25 Jahre Allianz für den freien Sonntag

30. September 2026

Der arbeitsfreie Sonntag ist keine Nostalgie, sondern gelebte Sozialpolitik. Seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert verteidigt ein ungewöhnlich breites zivilgesellschaftliches Bündnis den arbeitsfreien Sonntag. Im Oktober 2001 haben sich Gewerkschaften, kirchliche Organisationen, Sport-, Kultur- und Familienorganisationen zur „Allianz für den freien Sonntag Österreich“ zusammengeschlossen. Heute gehören ihr über 50 Mitgliedsorganisationen und neun Bundesländer-Allianzen an. Am 1. Oktober 2026 wird das Jubiläum der Sonntagsallianz mit einem Festakt im Wiener Rathaus gebührend gefeiert.

Sonntag: Ein Tag, der uns allen gehört

Denn beim arbeitsfreien Sonntag handelt es sich nicht – wie hin und wieder von Vertreter:innen wirtschaftsnaher Organisationen und Parteien suggeriert – um ein nostalgisches Relikt, sondern um handfeste Sozialpolitik, die heute mindestens genauso wichtig ist wie vor 25 Jahren.

Die Vielfältigkeit der Mitgliedsorganisationen zeigt auch die Vielfältigkeit der Themenbereiche, die der freie Sonntag berührt. Er ist nicht nur gemeinsame Zeit für Familie und Hobbys, sondern auch notwendige Voraussetzung für ehrenamtliches Engagement und lebendiges Vereinsleben. Vor allem schafft er einen gesellschaftlichen Raum abseits von jener Verfügbarkeits-, Effizienz- und Konsumlogik, die unseren Alltag zusehends bestimmt. Genau solche Räume sind die Basis für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gemeinschaftliches Wohl.

Der Wert gemeinsamer Freizeit besteht eben nicht nur in der darin enthaltenen Erholung. Er besteht insbesondere auch darin, dass diese Freizeit eben gemeinsam ist. Wer sonntags arbeitet, verliert nicht nur Stunden, sondern auch Anschluss. Eine Gesellschaft, die voranschreitender Entsolidarisierung entgegentreten möchte, muss für gemeinsame Freiräume sorgen. Gemeinsame Zeit, die nicht durch Sachzwänge oder Verwertbarkeitslogik strukturiert ist, schafft solche Freiräume.

Daher ist es auch kein Zufall, dass Betriebsrät:innen, Jugend- und Familienorganisationen, Alpinvereine, Musikkapellen, Diözesen und viele andere an einem Strang ziehen: Der Sonntag berührt eine Frage, die quer durch alle Gesellschaftsschichten und Milieus verläuft, nämlich wie viel Zeit wir als Gesellschaft füreinander und für uns selbst haben wollen bzw. brauchen.

Sonntag auch gesetzlich anerkannt

Doch nicht nur der Sonntagsallianz selbst ist der arbeitsfreie Sonntag ein wichtiges Anliegen, auch der österreichische Gesetzgeber hat diesbezüglich klar Stellung bezogen. So steht in § 3 des Arbeitsruhegesetzes (ARG), dass alle Arbeitnehmer:innen grundsätzlich Anspruch auf 36 Stunden ununterbrochene Ruhezeit pro Woche haben, „in die der Sonntag zu fallen hat“. Abgesehen von diversen Ausnahmen geht also auch das österreichische Arbeitsrecht unmissverständlich vom Sonntag als gesellschaftlich anerkanntem, gemeinsamem Ruhetag aus.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass dies nicht selbstverständlich ist, sondern das Ergebnis gewerkschaftlicher Kämpfe. So war ein arbeitsfreier Tag neben der Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf acht Stunden eine der Kernforderungen der Gewerkschaftsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts. Der mittlerweile im Arbeitsruhegesetz verankerte freie Tag sowie auch die höhere Vergütung von Sonntagsarbeit in Form kollektivvertraglicher Zuschläge bleiben bis heute umkämpft.

Überwältigende Mehrheit der Österreicher:innen will weiterhin freien Sonntag

Regelmäßig flammt die Diskussion um den arbeitsfreien Sonntag neu auf, zuletzt etwa anlässlich des European Song Contests in Wien im Frühjahr 2026. Vor allem im Handel wird von Unternehmensvertreter:innen mit vermeintlichen wirtschaftlichen Notwendigkeiten und angeblichen Kund:innenwünschen argumentiert. Gerne werden auch internationale Tourist:innen bemüht, die anderes gewöhnt seien und denen anderes geboten werden müsse. Einer näheren Prüfung halten diese Argumente allerdings nicht stand, wie vor Kurzem erst eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts IFES im Auftrag der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) gezeigt hat.

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  • 75 Prozent der Österreicher:innen lehnen eine Sonntagsöffnung im Handel ab – und zwar quer durch alle Altersgruppen und Regionen.
  • Bei den unmittelbar Betroffenen ist das Ergebnis eindeutig: Bei einer Befragungsaktion in allen Bundesländern lehnten 97,1 Prozent der rund 20.000 befragten Handelsangestellten Sonntagsarbeit klar ab.

Solche Ergebnisse sprechen eine eindeutige Sprache. Die vermeintlichen Kund:innenwünsche erweisen sich ausschließlich als Wünsche einzelner Unternehmensvertreter:innen oder ihnen nahestehender Politiker:innen. Die breite Bevölkerung hingegen weiß den arbeitsfreien Sonntag zu schätzen und lehnt eine weitere Liberalisierung klar ab.

Die Sprache ist von einer „weiteren“ Liberalisierung, da das Arbeitsruhegesetz auch heute schon vielfach Ausnahmen vorsieht. Im Gesundheitssektor, im Verkehrswesen, der Gastronomie, im Tourismus und vielen weiteren Branchen wird auch an Sonntagen gearbeitet. Mehr als jede:r zehnte Arbeitnehmer:in arbeitet regelmäßig am Sonntag. Die Frage ist also nicht, ob am Sonntag gearbeitet wird, sondern warum und wie viel.

Wollen wir Sonntagsarbeit im gesellschaftlich notwendigen Maß oder auch dort, wo sie keinen zusätzlichen Nutzen bringt? Eine Liberalisierung der Sonntagsöffnung beispielsweise im Handel schafft keine zusätzliche Kaufkraft. Sie verteilt bestehende Umsätze nur auf mehr Öffnungsstunden, und das bei erheblich steigenden Kosten.

Sonntagsöffnung im Handel wäre auf Kosten der Arbeitnehmer:innen

Der Einzelhandel beschäftigt in Österreich rund 330.378 Menschen. Ungefähr 65 Prozent davon sind Frauen, oft unfreiwillig in Teilzeit. Damit ist klar, wen eine Sonntagsöffnung in erster Linie treffen würde: überwiegend Frauen mit niedrigen Einkommen und dem Großteil der unbezahlten Sorgearbeit. Diesen würde durch eine Sonntagsöffnung nicht nur zusätzliche Flexibilität abverlangt, sondern auch ein weiterer Engpass in der Kinderbetreuung aufgebürdet.

Eine Aufweichung der Sonntagsruhe dient den Interessen einiger weniger Konzerne. Belastet werden hingegen vor allem jene, für die es heute bereits schwierig ist, Beruf und Familie zu vereinbaren. Vermeintliche Freiwilligkeit als Basis für Sonntagsarbeit ist aufgrund des Machtungleichgewichts im Arbeitsverhältnis ebenso kritisch zu beurteilen. Auch deshalb muss Sonntagsruhe die Regel bleiben und nicht zur Ausnahme verkommen.  

Der freie Sonntag ist nicht einfach aus Tradition schützenswert, sondern weil er ein gesellschaftlich wichtiger Freiraum für uns alle ist. Dass es ihn noch gibt, ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis vieler Jahre gemeinsamer Arbeit. Und er bleibt eine wichtige gesellschaftliche Errungenschaft, die es auch weiterhin zu verteidigen gilt.

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