Pflegekräfte in Österreich wollen ihren Beruf gut ausüben, die vorherrschenden Bedingungen verwehren ihnen jedoch den nötigen Handlungsspielraum. Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer Wien basierend auf 25 problemzentrierten Interviews erörtert, wie Zeitdruck, Personalmangel, Ökonomisierung und berufsrechtliche Begrenzungen dazu führen, dass notwendige Pflegetätigkeiten ausbleiben. Dies gefährdet nicht nur die Versorgungsqualität, sondern sorgt für Frustration, systematische Unzufriedenheit und treibt Pflegekräfte früher oder später aus dem Beruf.
Das berufliche Selbstverständnis als normative Richtschnur im Arbeitsalltag
Der Pflegeberuf ist für die Beschäftigten weit mehr als eine Dienstleistung. Sie verstehen ihre Tätigkeit als professionelle und verantwortungsvolle Arbeit am Menschen. Im Zentrum stehen nicht nur Aufgaben im medizinischen Mitwirkungsbereich, sondern die Sicherung von Lebensqualität, die Begleitung in schwierigen Situationen und die Orientierung an individuellen Bedürfnissen. Pflege wird damit als personenzentrierte Praxis begriffen, die stark von Interaktion, Beziehung und fachlicher Autonomie lebt.
„So einfache, so banal klingende Dinge im Prinzip, dass man einfach jeden Tag die Leute mobilisiert, zum Beispiel, dass die Leute wieder aktiver werden und ja, also das hat mich immer extrem erfüllt.“ (#4_JW)
Das ist kein abstraktes Ideal, sondern prägt das berufliche Selbstverständnis vieler Pflegekräfte. Vor dem Hintergrund der damit einhergehenden Versorgungswirksamkeit wird die Arbeit in der Pflege von den Beschäftigten als sinnstiftend erlebt, eine zentrale Ressource im Berufsalltag, die jedoch mit der vorherrschenden Arbeitsrealität zunehmend in Konflikt gerät.
Arbeits- und Rahmenbedingungen als zentrale Grenze des Möglichen
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Pflegekräfte – über alle Settings hinweg – ihre Arbeitsbedingungen als belastend interpretieren. Personalmangel, Arbeitsverdichtung, aber auch eine zunehmende Versorgungskomplexität als Folge steigender Multimorbidität bilden keine Ausnahmen, sondern die tägliche Realität. Beschleunigt werden diese Prozesse durch den fortschreitenden Einzug von marktorientierten Steuerungslogiken im Gesundheits- und Pflegesystem. Diagnosen und Pflegedienstleistungen werden mit ökonomischen und zeitlichen Budgets hinterlegt, die Arbeit wird dadurch zum Wettlauf gegen die Stoppuhr. Unter diesen Rahmenbedingungen fällt es schwer, Pflege als ganzheitlichen Prozess zu organisieren, Schichtdienste und das Ausmaß der wöchentlichen Normalarbeitszeit werden zur absoluten Mammutaufgabe. Notgedrungen verschieben sich allmählich Prioritäten. Im Zentrum stehen nicht länger fachlich-normative Standards, sondern das unter gegebenen Bedingungen Machbare.
Zwischen Qualitätsverlust und Lücken in der Versorgung
Besonders prägnant zeigt sich die Regelmäßigkeit des „Missed Nursing Care“-Phänomens im pflegerischen Arbeitsalltag. Darunter ist zu verstehen, wenn notwendige pflegerische Tätigkeiten nicht, nicht vollständig bzw. fachgemäß oder nur verspätet erbracht werden können.
„Aber zum Beispiel haben wir dementsprechend keine Mundpflege machen können […], die Lagerungen waren wahrscheinlich nicht so optimal, sage ich jetzt einmal, und Essen eingeben, jetzt vielleicht nicht dreimal am Tag.“ (#6_EG)
Häufig handelt es sich dabei um zentrale Elemente professioneller Pflege: Gespräche, Beobachtung, Mobilisation oder die individuelle Begleitung von Patient:innen. Gerade diese Aspekte sind vor dem Hintergrund der Beziehungsarbeit entscheidend für die Qualität der Versorgung und den allgemeinen Behandlungserfolg. Sie tragen dazu bei, gesundheitliche Krisensituationen zu bewältigen, Sicherheit zu gewährleisten und das Wohlbefinden zu verbessern. Versäumte Pflegetätigkeiten führen nicht nur zu einer Lücke im Pflegeprozess und damit zu einer direkten Beeinträchtigung der Versorgungsqualität, vielmehr führen diese Situationen auch zu einem psychischen Belastungserleben bei den Beschäftigten selbst. Pflegekräfte durchleben täglich die Diskrepanz aus Anspruch und Alltag.
Die Divergenz aus Anspruch und Realität – ein moralisches Dilemma
Pflegekräfte verfügen über das Wissen, die Kompetenz und die professionelle Orientierung, um qualitativ hochwertige Arbeit zu leisten, erleben jedoch gleichzeitig, dass die Bedingungen und Strukturen diesen Ansprüchen diametral entgegenstehen.
„Die Arbeitsbedingungen hindern mich, meine Arbeit so ausführen zu können, wie ich es gerne machen würde oder wie es durchgeführt werden sollte, definitiv. Also das merkt man in jeglichem Bereich, in jeglicher Institution und in jeglichem Setting.“ (#16_PM)
Beschäftigte sind damit konfrontiert: Welche Patient:innen bekommen mehr Zeit? Welche Tätigkeiten müssen verschoben werden? Was kann heute nicht erledigt werden? Solche Entscheidungen sind nicht nur organisatorisch herausfordernd, sondern auch moralisch belastend. Viele Beschäftigte berichten von einem dauerhaften Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Daraus entstehen intrapersonelle Konflikte, die das berufliche Selbstverständnis nachhaltig beeinflussen. Pflegekräfte befinden sich damit in einem Zustand permanenter Aushandlung zwischen dem, was sie als „gute Pflege“ verstehen, und dem, was unter den gegebenen Bedingungen möglich ist.
Die erlebte Arbeitszufriedenheit im Spannungsfeld der Bedingungen
Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Arbeitszufriedenheit als ambivalentes Phänomen. Einerseits gibt es weiterhin starke Ressourcen im Berufsalltag. Dazu zählen insbesondere die Zusammenarbeit im Team, Unterstützung von Führungskräften und die bereits erwähnten sinnstiftenden Erfahrungen in der Arbeit mit Patient:innen. Andererseits wirken die strukturellen Defizite dauerhaft belastend. Sie untergraben genau jene Aspekte, die für die Beschäftigten zentral sind: die Möglichkeit, gute Arbeit zu leisten, Verantwortung zu übernehmen und die eigene Kompetenz einzubringen.
Diese Ambivalenz führt dazu, dass die erlebte Arbeitszufriedenheit kein stabiles Konstrukt ist, sondern stark von situativen Bedingungen abhängt. Positive Erfahrungen können Belastungen kurzfristig ausgleichen, sie verändern jedoch nicht die strukturellen Ursachen.
Der fragile Blick auf den Berufsverbleib
Die identifizierten Spannungsfelder bleiben nicht ohne Folgen für die berufliche Zukunft. Viele Pflegekräfte stellen sich die Frage, ob sie unter diesen Bedingungen langfristig im Beruf bleiben können. Ausstiegsgedanken bzw. Weiterqualifizierung als Form der Neuorientierung zeigen sich als verbreitete Strategien auf individueller Ebene. Die Bindung an den Beruf wird zunehmend fragiler, insbesondere wenn strukturelle Probleme bestehen bleiben. Damit wird deutlich, dass die Arbeitsbedingungen nicht nur individuelle Auswirkungen haben, sondern auch die Stabilität des gesamten Systems betreffen.
„Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich den Job bis zur Pension ausüben werde, würde ich jetzt aus dem Bauch heraus sagen: Nein. Ich weiß nicht, wie lange, aber für mich fährt das System einfach gegen die Wand.“ (#25_DW)
Gute Pflege ist eine Frage der Bedingungen – was es jetzt braucht
Individuelle Bewältigungsstrategien oder Appelle an die Resilienz der Beschäftigten bilden keine Lösung, sondern verwalten bestehende Herausforderungen. Vielmehr benötigt es strukturelle Lösungsansätze, Aufstockung von Personal, Vermeidung von Arbeitsprozessen in unterbesetzten Teams, Reduktion von arbeitsverdichtenden Situationen und allgemeine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Es bedarf Zeitressourcen, die eine Versorgungsleistung nach fachlich-normativen Standards möglich machen. Hierfür muss die Entwicklung eines evidenzbasierten Personalberechnungsmodells den Ausgangspunkt bilden, um bundeseinheitliche Mindestpersonalvorgaben zu erarbeiten, sowohl im Akut- als auch im Langzeitbereich.
Die körperliche und emotionale Dienstleistungsarbeit in der Pflege ist kräftezehrend, es braucht Regenerations- und Erholungsphasen durch alternative Arbeitszeitmodelle und eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Bestehende Kompetenzen des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege müssen endlich vollumfänglich ausgeschöpft werden, anstatt die gesamte Versorgungsstruktur auf das Nadelöhr der ärztlichen Anordnung zu begrenzen und dadurch Behandlungspfade und Arbeitsprozesse zu verengen. Dazu benötigt es veränderte Entscheidungskompetenzen und Anpassungen im Berufsgesetz.
Neben der Verbesserung von Rahmen- und Arbeitsbedingungen bedarf es eines Ausbaus der Pflege- und Kinderbetreuungsinfrastruktur. 85 Prozent der Pflegekräfte sind Frauen, häufig in Teilzeit aufgrund von Betreuungspflichten und Überlastungstendenzen bei bestehenden Normalarbeitszeiten. Passen die beruflichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, kann die potenzielle Bereitschaft zur Stundenaufstockung ein alternatives Mittel zur Begegnung des Pflegepersonalmangels darstellen, jenseits von aufwändigen und ethisch bedenklichen Anwerbeaktionen im Ausland. Ein Umdenken scheint lohnend, denn der Pflegeberuf ist hochprofessionell, versorgungswirksam und sinnstiftend. Eigenschaften, für die es sich zu arbeiten lohnt.