Jetzt Langzeit­beschäftigungs­losigkeit bekämpfen

30. März 2026

Nach drei Jahren Rezession ist die Langzeitbeschäftigungslosigkeit in Österreich auf einem sehr hohen Niveau. Die „Aktion 55 plus“ der Regierung geht in die richtige Richtung. Wie eine Befragung von Langzeitbeschäftigungslosen zeigt, wird es aber ein Bündel an Maßnahmen benötigen, das die Bedarfe der Arbeitssuchenden, strukturelle Rahmenbedingungen und den quantitativen Mangel an offenen Stellen berücksichtigt. Durch ein solidarisches Sicherheitsnetz könnten ausreichend passende Arbeitsplätze nahe bei den Menschen geschaffen werden.

Langzeitbeschäftigungslosigkeit bleibt als Problem

Während die Anzahl an offenen Stellen seit dem Jahr 2022 um 47.000 Stellen zurückging, ist die Anzahl an Arbeitslosen um rund 54.000 Menschen und die Anzahl an Schulungsteilnehmer:innen um rund 7.000 gestiegen. Im Jahresdurchschnitt 2025 waren rund 93.000 Menschen in Österreich langzeitbeschäftigungslos. Die Anzahl an Langzeitbeschäftigungslosen ist von 2022 auf 2023 trotz Konjunktureinbruch noch rückläufig gewesen und seitdem um fast 18.000 Menschen angestiegen – ein längerfristig betrachtet deutlicher Anstieg.

Auch wenn sich die Anzahl der Arbeitslosen bei Konjunkturerholungen reduzieren wird, ist es ein bekanntes Muster, dass dieLangzeitbeschäftigungslosigkeit nicht vollkommen auf das Ursprungsniveau zurückgelangt. Denn längere Arbeitslosigkeitsphasen führen bei vielen Menschen zu Dequalifizierung, Demotivation und gesundheitlichen Einschränkungen. Hinzu kommt, dass die Arbeitslosigkeitsdauer ein Stigma in den Lebensläufen der Arbeitssuchenden darstellt und seitens der Unternehmen oftmals Vorurteile bestehen.

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Ergebnisse einer aktuellen Befragung in Oberösterreich

Um die Situation von Menschen besser zu verstehen, die bereits länger ohne Arbeit sind, haben die oberösterreichischen Sozialpartner in Kooperation mit dem Arbeitsmarktservice (AMS) OÖ beim Institut für Berufsbildungsforschung (öibf) eine Studie in Auftrag gegeben. Dabei wurden mehr als 700 langzeitbeschäftigungslose Personen in Oberösterreich zwischen August und September 2024 befragt.

Gesundheit, Alter und Dauer der Arbeitslosigkeit als Haupthürden für den Wiedereinstieg

Die Ergebnisse zeigen, dass individuelle Faktoren ebenso wie strukturelle Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle bei der Arbeitssuche spielen. Als größte Hindernisse für eine Beschäftigungsaufnahme nannten die Befragten folgende Aspekte:

  • körperliche Gesundheit (60 Prozent)
  • Alter (55 Prozent)
  • lange Dauer der Arbeitslosigkeit (50 Prozent)
  • psychische Gesundheit (46 Prozent)

Die Herausforderungen bei der Arbeitssuche von Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen, werden in diesem exemplarischen Zitat deutlich:

„Es macht mich traurig, dass ich offiziell seit Jahren arbeitslos bin. Ich bin derzeit bis 80 Prozent gesundheitlich behindert und in unserer Umgebung gibt es keine Möglichkeit, um berufstätig zu sein, nur Beschäftigungsmöglichkeit. Ich bin nicht krank genug für [eine] Invaliditätspension, aber auch nicht gesund genug fürs Arbeiten.“

Neben den individuellen Faktoren nennen die Befragten auch strukturelle Hindernisse, die den Wiedereinstieg erschweren, nämlich zu je 45 Prozent:

  • zu wenige freie Stellen
  • mangelnde Mobilität
  • unpassende Qualifikationen

Fast jede zweite befragte Person erkennt also die strukturellen Probleme, die etwa auf geringer Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen, unzureichenden öffentlichen Verkehrsanbindungen oder regionalen Unterschieden im Stellenangebot begründet sein könnten.

Wunsch nach mehr passenden Arbeitsstellen und stufenweise Einstiegsmöglichkeiten

Wenn es darum geht, was aus Sicht der Befragten ihre Chancen auf eine dauerhafte Rückkehr in den Arbeitsmarkt verbessern würde, steht ein Punkt deutlich im Vordergrund: Acht von zehn langzeitbeschäftigungslosen Personen wünschen sich mehr passende Arbeitsstellen.

Dieser hohe Wert zeigt, wie herausfordernd die Arbeitssuche für viele ist und dass das Angebot an geeigneten Stellen als unzureichend wahrgenommen wird.

Rund zwei Drittel der Befragten nennen zudem folgende Angebote als hilfreich, um am Arbeitsmarkt wieder dauerhaft Fuß fassen zu können:

  • die Möglichkeit, mit wenigen Stunden anzufangen und diese schrittweise zu erhöhen (68 Prozent)
  • Gesundheitsangebot zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit (68 Prozent)
  • Beihilfen/Lohnzuschüsse für Betriebe (65 Prozent)
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Diese Ergebnisse zeigen, dass viele Betroffene einen langsamen und realistischen Wiedereinstieg brauchen. Beihilfen oder Lohnzuschüsse für Betriebe können zudem helfen, dass den Langzeitbeschäftigungslosen eine Chance gegeben wird, da diese den Befragten zufolge häufig mit Vorurteilen konfrontiert sind, wie nachfolgendes Zitat verdeutlicht:

„Man sollte älteren Menschen mehr zutraue, und ihnen eine Chance geben. Ich weiß, wir alten Menschen sind körperlich nicht mehr so belastbar, aber geistig sind wir (ich) noch voll da, und das sollte neben unserer Erfahrung auch gewürdigt werden.“

Diese Einschätzungen der Betroffenen unterstreichen den Bedarf nach einem Ausbau von Angeboten der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Dazu gehören insbesondere mehr Möglichkeiten für Aus- und Weiterbildungen, eine intensivere Unterstützung durch das AMS sowie der Ausbau von Beschäftigungsprojekten wie etwa sozialökonomischen Betrieben.

Betreuungs- und Pflegeaufgaben als Hürde

Ein weiterer Aspekt betrifft Betreuungs- und Pflegeaufgaben. Für mehr als ein Fünftel (22 Prozent) der Befragten stellen diese Verantwortungen eine große Hürde bei der Arbeitssuche dar. Frauen (28 Prozent) sind davon deutlich häufiger betroffen als Männer (15 Prozent).

Unter den Betroffenen geben mehr als acht von zehn (82 Prozent) an, dass ein besseres Betreuungs- und Pflegeangebot ihre Chancen auf einen Wiedereinstieg deutlich verbessern würde. Dies unterstreicht die Bedeutung eines gut ausgebauten und verlässlichen Betreuungs- und Pflegeangebots.

Ansätze zur Reduktion der Langzeitbeschäftigungslosigkeit

Besonders wichtig sind Maßnahmen bei Arbeitslosen, die Dequalifizierung und eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes verhindern. Die Arbeitsmarktpolitik sollte sich daher zum Ziel setzen, den Teufelskreis in Bezug auf die Verschlechterung des Gesundheitszustandes zu durchbrechen. Derzeit ist dies im Arbeitsmarktservicegesetz nicht ausreichend vorgesehen. Ebenso sollten Betriebe eine stärkere Rolle bei der Sekundärprävention einnehmen. Insbesondere bedarf es mehr Verantwortung bei Interventionen bei längeren Krankenständen, um die Rückkehr an den Arbeitsplatz bzw. den Arbeitsplatzerhalt zu fördern.

Darüber hinaus wird es zur Förderung der Reintegration von Langzeitbeschäftigungslosen eine Ausweitung der aktiven Arbeitsmarktpolitik benötigen, die zum einen auf die Anzahl an geförderten Jobmöglichkeiten abzielt und zum anderen zielgruppenspezifische Unterstützungsangebote für Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen forciert. Die von der Bundesregierung ins Leben gerufene „Aktion 55 plus“ geht dabei in die richtige Richtung, sollte aber aufgestockt und flächendeckend ausgebaut werden.

Hierbei könnte die Arbeitsmarktpolitik an einer Reihe von Jobgarantie-ähnlichen Modellen in Österreich anknüpfen, die erfolgreich Langzeitarbeitslosigkeit gesenkt haben:

Im Sinne der experimentellen Arbeitsmarktpolitik könnte dabei auf die Gründung von alternativ organisierten Betrieben, die gemeinnützig und partizipativ ausgerichtet sind, abgezielt werden.

Auch der Ausbau der sozial-ökonomischen Betriebe nach längerer und mehrmaliger Teilnahme würde den Wünschen/Bedarfen der Langzeitarbeitslosen entsprechen und ist als wirksame Strategie zu beurteilen. Zudem empfiehlt es sich, für Personen mit Arbeitswunsch bei eingeschränkter Leistungsfähigkeit Möglichkeiten zum stufenweisen Wiedereinstieg zu schaffen. Dies bedeutet aber auch, dass Unternehmen bereit sein müssen, langzeitbeschäftigungslose Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen aufzunehmen. Dazu kann über Anreizsysteme wie z. B. ein Bonus-Malus-System nachgedacht werden.

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