Heute arbeiten deutlich mehr Menschen in Teilzeit als noch vor 20 Jahren. Der Anstieg der Teilzeitquote erklärt sich vor allem durch eine gestiegene Erwerbsbeteiligung: Menschen, die früher gar nicht erwerbstätig waren, sind es heute – wenn auch unterhalb der statistischen Vollzeit-Grenze von 35 Stunden. Bei Frauen sind weniger als 35 Wochenstunden bereits seit 2000 die Regel – weniger als die Hälfte von ihnen arbeitet in Vollzeit. Dennoch wird heute insgesamt nicht weniger, sondern mehr gearbeitet als früher – das ist genau diesen vielen Teilzeitbeschäftigten zu verdanken.
Missverstandene Statistik
Dass heute nicht weniger, sondern mehr gearbeitet wird als früher, wird leider oft missverstanden. Manche Politiker:innen verwechseln den Anstieg der Teilzeitquote mit einem Sinken der Arbeitsstunden. Die Teilzeitquote misst das Verhältnis zwischen Vollzeit und Teilzeitarbeitenden untereinander, aber nicht im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Wenn die Zahl der Vollzeitbeschäftigten gleich bleibt, aber ehemals Arbeitslose mit einem Teilzeitjob wieder auf den Arbeitsmarkt finden, dann wird insgesamt mehr gearbeitet – aber die Quote sinkt. Sie sagt aber nur etwas über die Aufteilung der Arbeit zwischen Voll- und Teilzeit aus. Sie berücksichtigt nicht die gestiegene Erwerbsbeteiligung und auch nicht die Unterschiede zwischen 5- und 30-Stunden-Jobs, die beide als Teilzeit gelten. Wer sich nur die steigende Teilzeitquote ansieht, könnte denken, dass in Österreich immer weniger gearbeitet wird. Aber weil immer mehr Menschen am Erwerbsleben teilnehmen und im Schnitt länger arbeiten, ist das Gegenteil der Fall.
Es macht deshalb Sinn, Vollzeitstellen und geleistete Arbeitsstunden pro Person im erwerbsfähigen Alter (15 bis 64 Jahre) zu messen – und nicht pro beschäftigter Person. Sonst bleiben die Effekte der höheren Erwerbsbeteiligung unsichtbar, also sowohl Arbeitslose als auch Personen aus erwerbsfernen Positionen, die Jobs finden.
Tatsächlich arbeiten die Österreicher:innen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren heute mehr als je zuvor. Was dazukommt: Die Arbeitsstunden sind nicht mehr so ungleich verteilt wie früher. Die durchschnittliche Vollzeit wird kürzer, auch weil Über- und Mehrstunden reduziert werden. Teilzeitwochen werden länger, die übliche Stelle hat heute öfter 32 als 5 Wochenstunden. Trotzdem ist Arbeitszeit in Österreich weiterhin ungleich verteilt, es gibt im Europavergleich eine besonders hohe Teilzeitquote, während Vollzeitbeschäftigte besonders viele Stunden arbeiten und viele Überstunden geleistet werden. Dass das Verhältnis jetzt gleicher wird, zeigt, dass erste Schritte gelingen, aber es gibt weiter politischen Handlungsbedarf.
Für den Vergleich über mehrere Jahre eignet sich eine andere Kennzahl besser als die Teilzeitquote: Die Arbeitsstunden pro Person im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren. Die Zahl kann auch nach Voll- und Teilzeit, nach Geschlecht oder nach beidem aufgeteilt werden, um sich anzuschauen, wo die Entwicklung herkommt. Die Darstellung zeigt zwei Sachen: Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Person im erwerbsfähigen Alter wurde zwischen Voll- und Teilzeit neu aufgeteilt, ist aber insgesamt angestiegen. Der Trend nach oben wird von den Frauen befeuert: Ihre Teilzeitlinie zeigt steiler nach oben, ihre Vollzeitlinie geht weniger nach unten.
Mythen der Teilzeit
Die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden ist in den letzten 20 Jahren gestiegen und die Produktivität gewachsen. Das liegt zu einem guten Teil an den vielen Menschen, die neu ins Erwerbsleben gekommen sind, aber weniger als 35 Wochenstunden arbeiten. Besonders deutlich wird das an der steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Kindern – wie Carina Altreiter und Vera Glassner für das kommende WISO Magazin berechnen: Waren 2004 nur 67 Prozent der Frauen mit minderjährigen Kindern erwerbstätig, sind es 2024 schon 80 Prozent. Leider wird das oft missverstanden oder sogar als Problem dargestellt. Die Konsequenz: Teilzeitbeschäftigte werden bei der Pension und bei der Besteuerung von Mehrstunden benachteiligt und in Einzelfällen in der öffentlichen Diskussion sogar persönlich abgewertet.
Die Skandalisierung von Teilzeitbeschäftigten besteht normalerweise aus zwei Teilen: abwertender Rhetorik und zu hohen Schätzungen von „Kosten für die Allgemeinheit“. Zum Beispiel schrieb im August 2025 der X-Account von Agenda Austria: „Rund 320.000 Menschen in Österreich, die eigentlich voll arbeiten könnten, fehlt leider der Wille dazu“, und behauptet, dass dem Staat dadurch fast 5 Milliarden Euro entgehen.
Die Rechnung mit den 5 Milliarden geht allerdings nur mit gewagten Annahmen auf: Genau diejenigen Teilzeitbeschäftigten, die keine Vollzeitstelle anstreben, müssten (1) 40-Stunden-Jobs angeboten bekommen, in denen sie (2) das mittlere Bruttoeinkommen verdienen. Gleich auf den ersten Blick ergeben sich zwei Probleme: Die meisten freiwillig Teilzeitbeschäftigten arbeiten in Sektoren, in denen auch die unfreiwillige Teilzeitquote sehr hoch ist. Angebote, auf die nicht-normale Vollzeit aufzustocken, dürften hier schwer zu finden sein. Und gerade in diesen Bereichen liegen die Löhne und Gehälter deutlich unter dem Median. Zudem muss auch die Angabe zur freiwilligen Teilzeit im Mikrozensus hinterfragt werden, da diese oft mit Betreuungspflichten oder einer Ausbildung einhergeht und in gewisser Weise unfreiwillig freiwillig ist. Ist zum Beispiel die Aussage „Ich möchte nicht Vollzeit arbeiten, weil ich dann einen Babysitter bezahlen müsste, der mein Kind von der Krippe abholt“ wirklich die landläufige Definition von Freiwilligkeit?
Im Handel sind zum Beispiel über 60.000 Beschäftigte zufrieden damit, weniger als 35 Stunden zu arbeiten. Insgesamt sind aber auch mehr als ein Drittel der Stellen in der Branche Teilzeitverhältnisse. Es ist zweifelhaft, dass hier 60.000 Menschen aufstocken könnten. Gleichzeitig liegt das mittlere Bruttovollzeiteinkommen im Handel fast 10 Prozent unter dem Gesamtmedian. Für die fiktive Kostenschätzung der Agenda Austria müssten mindestens ein Drittel dieser 60.000 Menschen also die Branche wechseln, um ein Vollzeitangebot zum Medianeinkommen zu finden.
Auch im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten 70.000 Menschen „freiwillig“ Teilzeit – und insgesamt weniger als die Hälfte Vollzeit. Befragungen und Studien zeigen jedoch, dass das vor allem an der überdurchschnittlichen Arbeitsbelastung liegt und Beschäftigte daher präventiv Teilzeit arbeiten, damit sie gesund bleiben. Die Gesundheitsberufe, vor allem in der Pflege, sind körperlich zu anstrengend und zeitlich zu stark verdichtet, als dass sie, ohne langfristig gesundheitlich Schaden zu nehmen, in Vollzeit ausgeübt werden könnten.
Auch in der Gastronomie geben 20.000 Teilzeitbeschäftigte an, kein Vollzeitverhältnis anzustreben. Auch in dieser Branche ist die Arbeitsbelastung mit Nachtdiensten und körperlich anstrengenden Abläufen besonders hoch. Dazu kommt, dass die mittleren Vollzeitgehälter hier nur bei der Hälfte des allgemeinen Median von 45.000 Euro liegen.
Studien und Zahlen der Statistik Austria zeigen also: Nicht „fehlender Wille“, sondern belastende Arbeitsbedingungen und Care-Arbeits-Verpflichtungen sind oft der Grund, weniger als 35 Wochenstunden zu arbeiten. Für die Kosten der Teilzeit spielen auch die Zahl der tatsächlichen Stellenangebote, die angebotenen Löhne und Gehälter, aber auch die Fähigkeiten und Erfahrungen der Menschen eine Rolle, bleiben aber in der Diskussion unerwähnt. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Mythen über skandalisierte Teilzeitbeschäftigte wenig mehr als konstruierte Erzählungen sind.
Respekt und gleiche Rechte für Teilzeitbeschäftigte
In Systemerhalter:innen-Branchen wie der Pflege oder dem Handel arbeiten vor allem Frauen in Teilzeit. Unter oft zu harten Bedingungen kümmern sie sich um die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung. Dafür verdienen sie Respekt und Löhne, die für ein gutes Leben reichen.
Respektvoll wäre es, endlich die Benachteiligungen für Teilzeitbeschäftigte abzuschaffen: Niedrigere Gehälter und niedrigere Pensionsansprüche kosten sie mehr, als die angeblichen steuerlichen Vorteile bringen. Mehrstunden bei Teilzeit bekommen nur den halben Zuschlag von Überstunden bei Vollzeit – diese Schlechterstellung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar EU-rechtswidrig.
Ein deutliches Zeichen von Respekt wäre es auch, auf die vielen Teilzeitkräfte zu hören, die sagen, dass sie gerne mehr Stunden arbeiten möchten – egal, ob sie damit auf über 35 Stunden kommen oder darunter bleiben. 2023 waren es laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO 139.000 Arbeitende, die sich ein Aufstocken von 5 Stunden oder mehr wünschen, aber auf kein Entgegenkommen der Arbeitgeber:innen trafen.
Dazu kommen viele ältere Arbeitnehmer:innen, die altersgerechte Arbeitsplätze und Möglichkeiten zur innerbetrieblichen Umorientierung verdienen. Sie würden so den längeren Verbleib im Job auch eher schaffen. Das muss nicht auf ältere Arbeitende beschränkt bleiben: Die Einführung einer gesunden (kürzeren) Vollzeit und Arbeitsbedingungen ohne Ausbrennen sind für die Erwerbsbeteiligung wichtig.
Respektvoll wäre es auch, die Gründe für unfreiwillige Teilzeit anzugehen: unzureichende Kinderbetreuungsangebote in großen Teilen von Österreich, die ungerechte Aufteilung der unbezahlten Arbeit zwischen Männern und Frauen, immer weitere Arbeitsverdichtung und zersplitterte Dienstzeiten. Es ist schwierig, neben Familie und Sozialleben in Vollzeit zu arbeiten. Wenn sich das ändert, klettern auch die Arbeitsstunden ein bisschen rauf.