Lehr­abschluss­prüfung auf dem Prüf­stand – Handlungs­ansätze aus der Per­spek­tive von Lehr­lingen

10. September 2026

Wie der im Juli erschienene Beitrag „Zwischen Blackbox und Prüfungsangst“ bereits feststellt, ist die Lehrabschlussprüfung (LAP) ein wichtiger Meilenstein im Übergang junger Menschen von der Lehrausbildung auf den Arbeitsmarkt. Allerdings sinkt die Zahl der positiven Prüfungsabschlüsse und immer mehr Lehrlinge treten gar nicht erst zur Lehrabschlussprüfung an. Gleichzeitig verändern sich Arbeitswelt und berufliche Anforderungen grundlegend. Vor diesem Hintergrund richtet dieser Beitrag den Blick auf die Perspektive der Lehrlinge: Wie erleben sie die Vorbereitung auf die Prüfung? Und welche Faktoren erleichtern oder erschweren einen erfolgreichen Abschluss?

Wie Lehrlinge die Lehrabschlussprüfung erleben

Bislang fehlten vertiefende Erkenntnisse darüber, warum Lehrlinge nicht zur Prüfung antreten oder warum sie diese nicht bestehen. Um diese Forschungslücke zu schließen, führte das öibf im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 insgesamt 20 leitfadengestützte qualitative Interviews mit ehemaligen Lehrlingen aus verschiedenen Lehrberufen durch. Die Teilnehmer:innen wurden aus dem 6. Lehrlingsmonitor 2025 rekrutiert. Befragt wurden zehn Personen mit positivem Abschluss bei Erstantritt, acht Antreter:innen mit negativem Prüfungsausgang sowie zwei Personen, die letztlich nicht zur Lehrabschlussprüfung angetreten sind.

Die Ergebnisse zeigen, dass große Unterschiede im Erleben der Vorbereitung und Durchführung der Lehrabschlussprüfung bestehen. Während einzelne Befragte diese als weitgehend problemlos empfinden und erklären, sich dabei „leichtgetan“ zu haben, schildern andere hingegen große Schwierigkeiten und Belastungen bereits in der Vorbereitungsphase. Berichtet wird beispielsweise über große Lernschwierigkeiten und Nachhilfebedarf, über Motivationsprobleme oder auch über „massive Ängste“ im Bezug auf den Prüfungsantritt. Dies verdeutlicht das Vorliegen von sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Unterstützungsbedarfen.

Was fördert einen erfolgreichen Lehrabschluss?

„Also den Großteil, muss ich sagen, habe ich eigentlich der Firma zu danken. […] Die Firma hat unglaublich viel getan für mich, für die Lehrlinge allgemein, […] das ist auf keinen Fall selbstverständlich.“ 

Die Interviews zeigen deutlich: Ob Lehrlinge zur Lehrabschlussprüfung antreten und diese erfolgreich bestehen, hängt nicht primär von Motivation oder individuellen Fähigkeiten allein ab. Lehrlinge mit negativem Abschluss oder Nicht-Antritt investieren oft viel Zeit in die Vorbereitung und berichten teils von Defiziten in der Ausbildung, die sie eigenständig zu kompensieren versuchen (z. B. durch Vorbereitungskurse, Informationseinholung aus dem Umfeld). Entscheidend scheinen somit nicht allein individuelle Faktoren wie Motivation oder Fähigkeiten, sondern vielmehr das Zusammenspiel verschiedener struktureller Faktoren.

Zwei Faktoren sind dabei besonders wichtig. Erstens ist dies die wahrgenommene Unterstützung durch Lehrbetrieb und Berufsschule. Lehrlinge, die ihre Prüfung beim ersten Antritt bestanden haben, berichten häufiger von gezielten Vorbereitungsangeboten (z. B. Vorbereitungskurse, Prüfungssimulationen), ausreichenden Übungsmöglichkeiten und kompetenten Ansprechpersonen in den Ausbildungsinstitutionen. Zweitens erweist sich die Passung zwischen Vorbereitung und tatsächlicher Prüfung als relevant. Erfolgreiche Absolvent:innen nehmen deutlich häufiger wahr, dass die Inhalte ihrer Vorbereitung den späteren Prüfungsanforderungen entsprachen. Entscheidend scheint nicht die Intensität des Lernens zu sein, sondern die Passgenauigkeit der Vorbereitung.

Fehlende Transparenz erschwert den Prüfungserfolg

„Also das Allerschwierigste für mich war: Was soll ich lernen? Das war die schlimmste Frage für mich.“

Umgekehrt zeigen sich auch zentrale Hemmfaktoren für einen erfolgreichen Prüfungsabschluss. Als besonders belastend empfinden viele Befragte den Umfang des Lernstoffs sowie die mangelnde Transparenz rund um die Lehrabschlussprüfung. Gerade angesichts des breiten Prüfungsstoffs wird es als Herausforderung wahrgenommen, relevante Inhalte zu erkennen und Prioritäten für die Vorbereitung zu setzen. Unklare Prüfungsanforderungen und fehlende Informationen darüber, welche Inhalte tatsächlich relevant sind, erschweren eine zielgerichtete Vorbereitung. Gerade Lehrlinge mit negativen Abschlüssen berichten von Unsicherheiten hinsichtlich der Prüfungsinhalte und -erwartungen.  

Zudem sind Unterstützungsangebote nicht automatisch wirksam. Zwar erhalten auch Lehrlinge mit negativem Prüfungsverlauf meist Unterstützungsangebote (z. B. Vorbereitungskurse, Übungsmöglichkeiten in Betrieb/Berufsschule, Aufklärungsgespräche zur Prüfung), diese werden jedoch häufiger als wenig hilfreich oder als unzureichend auf die konkreten Prüfungsanforderungen abgestimmt wahrgenommen. Entscheidend ist daher nicht allein das Vorhandensein von Unterstützungsangeboten, sondern vielmehr deren Qualität und Prüfungsrelevanz. Erschwert wird der Prüfungserfolg darüber hinaus durch fehlendes oder unzureichendes Feedback nach einem negativen Prüfungsantritt, was eine Hürde für eine gezielte Vorbereitung auf einen weiteren Versuch darstellt.

Unterstützung kann Nachteile ausgleichen

„Die größte Herausforderung war auf jeden Fall sicher, dass ich mir alles selber hab suchen müssen, weil halt vom Betrieb gar nichts kommen ist. Ich hab‘ aber dann die ganzen Vorbereitungskurse gemacht, […] und die haben mir dann eigentlich auch nochmal gescheit geholfen.“ 

Die Studienergebnisse verdeutlichen die hohe Relevanz von kompensierenden Unterstützungsstrukturen außerhalb der verantwortlichen Ausbildungseinrichtungen. Auch Lehrlinge, die nur geringe Unterstützung durch Betrieb oder Berufsschule erfahren, können erfolgreich sein, wenn außerhalb dieser Institutionen zusätzliche Ressourcen verfügbar sind. Dazu zählen etwa qualitativ hochwertige Vorbereitungskurse, aber auch soziale Unterstützung durch Familie, Freund:innen oder die Kolleg:innenschaft.

Die Ergebnisse zeigen, dass Prüfungen häufig dann erfolgreich verlaufen, wenn fehlende Unterstützung an anderer Stelle ausgeglichen werden kann. Umgekehrt treten negative Prüfungsverläufe und Nicht-Antritte vor allem dann auf, wenn mehrere belastende Faktoren kumulieren und keine ausreichenden, kompensierenden Unterstützungsstrukturen vorhanden sind. Gerade in den beiden untersuchten Fällen von Nicht-Antritten fehlten solche kompensierenden Unterstützungsstrukturen. 

Handlungsbedarfe entlang des Ausbildungsverlaufs

Die Ergebnisse machen deutlich, dass Maßnahmen zur Verringerung von negativen Prüfungsabschlüssen und Nicht-Antritten nicht erst bei der Lehrabschlussprüfung ansetzen dürfen. Vielmehr zeigen die Interviews, dass Maßnahmen in drei Phasen ansetzen sollten: während der Ausbildung, in der Prüfungsvorbereitung und bei der Prüfung selbst. 

1. Während der Ausbildung: die Basis für den Antritt und Prüfungserfolg schaffen 
Die Interviews zeigen, dass die entscheidenden Weichen bereits während der Lehrzeit gestellt werden. Eine qualitativ hochwertige Ausbildung in Betrieb und Berufsschule, kompetente Ansprechpersonen sowie frühzeitige Unterstützungsangebote bei Problemen können dazu beitragen, spätere Schwierigkeiten bei der Lehrabschlussprüfung zu vermeiden. Daher sollte geprüft werden, wie die Ausbildungsqualität besser abgesichert und Informationen über Unterstützungsangebote leichter zugänglich gemacht werden können. 

2. In der Phase der Prüfungsvorbereitung: passgenaue Vorbereitung fördern
Als weiterer zentraler Befund wird deutlich, wie wichtig Transparenz über Prüfungsinhalte und -anforderungen ist. Entscheidend ist aus Sicht der Lehrlinge dabei vor allem die Verfügbarkeit passgenauer Unterstützungsangebote, etwa spezifischer Vorbereitungsunterlagen oder realistischer Prüfungssimulationen. Zudem braucht es flächendeckend qualitativ hochwertige Vorbereitungskurse, die gezielt auf die Prüfung vorbereiten und mitunter auch bestehende Unterstützungsdefizite der Ausbildungsinstitutionen ausgleichen können.

3. Bei der Prüfung: Belastungen durch die Prüfungssituation reduzieren
Auch die Lehrabschlussprüfung selbst bietet Ansatzpunkte. Individuelle Prüfungstermine könnten Wartezeiten und Prüfungsstress deutlich reduzieren. Da zahlreiche Befragte den zu großen Umfang des Lernstoffs als Belastung beschreiben, könnten auch alternative Prüfmodelle in den Blick genommen werden, die die Leistungsüberprüfung nicht auf einen einzigen Zeitpunkt beschränken. Ein Beispiel für ein derartiges Modell ist die in Deutschland eingesetzte gestreckte Abschlussprüfung. Diese sieht die Absolvierung einer Teilprüfung bereits während der Lehrzeit vor, sodass die Prüfungsbelastung besser verteilt und kontinuierliches Lernen stärker gefördert wird. 

Fazit 

Die Lehrabschlussprüfung bleibt für junge Menschen ein wichtiger Schlüssel für den Einstieg ins Berufsleben. Die Studie zeigt jedoch, dass Prüfungserfolg nicht allein eine Frage persönlicher Leistung ist, sondern wesentlich von Ausbildungs- und Unterstützungsstrukturen abhängt. Die Ergebnisse legen nahe, dass eine qualitätsvolle Ausbildung, transparente Prüfungsanforderungen und passgenaue Unterstützung die Chancen auf einen erfolgreichen Lehrabschluss fördern können. 

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