Wie es den Studierenden in Österreich geht, zeigt die aktuelle Studierendensozialerhebung des Instituts für höhere Studien (IHS), an der sich rund 36.000 Studierende an Universitäten, Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Privatuniversitäten beteiligt haben. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Studieren in Österreich ist für viele mit großen finanziellen Hürden verbunden, die insbesondere für „First-Generation Students“ und sozial benachteiligte Gruppen eine echte Belastung darstellen. Diese Barrieren schaffen Bildungsungerechtigkeit und Chancenungleichheit. Darum muss dringend gehandelt werden, zum Beispiel durch eine Erhöhung der Beihilfen und die Schaffung von leistbarem Wohnraum.
Problemfeld Arbeiten & Studieren
Die meisten Studierenden müssen heute neben dem Studium arbeiten, um sich ihr Leben leisten zu können. Weiterhin sind über zwei Drittel der Studierenden erwerbstätig. Im Schnitt arbeiten sie 20 Stunden die Woche. Für 71 Prozent ist die Erwerbsarbeit aber keine freie Entscheidung, sondern für die Bestreitung der Lebenserhaltungskosten unbedingt notwendig. Wer neben dem Studium arbeiten muss und wer sich ohne Nebenjob dem Studium widmen kann, ist auch eine Frage der sozialen Herkunft: Studierende, deren Eltern nicht studiert haben, müssen z. b. öfter einer Erwerbstätigkeit nachgehen als Studierende aus Akademiker:innenhaushalten. Dabei zeigen die Daten klar: Je mehr Stunden Studierende arbeiten, desto stärker leidet das Studium, d. h. mit zunehmendem Stundenausmaß sinkt das Ausmaß, mit dem man sich dem Studium widmen kann. So berichten im Schnitt aller Studierenden 39 Prozent, unter erwerbstätigen Studierenden aber 57 Prozent, dass es schwierig sei, Job und Studium zu vereinbaren.
Steigende Kosten für Wohnen
Der Grund, warum so viele Studierende arbeiten müssen, ist klar: Das Studierendenleben hat sich in den letzten Jahren spürbar verteuert. Die monatlichen Gesamtkosten sind für Studierende seit der letzten Erhebung 2023 weiter um 6 Prozent angestiegen. Das Durchschnittseinkommen von arbeitenden Studierenden liegt bei netto 1.179 Euro, also um rund 500 Euro unter der Armutsgefährdungsgrenze. Dementsprechend machen Wohnen (38 Prozent) und Essen (21 Prozent) den Großteil der monatlichen Ausgaben von Studierenden aus, für restliche Ausgaben bleibt dann wenig übrig. Im Vergleich dazu gibt laut Statistik Austria ein durchschnittlicher Haushalt „nur“ rund 26 Prozent für Wohnen und Heizen und rund 12 Prozent für Ernährung aus. Studierende sind also von steigenden Preisen für Wohnraum noch mal stärker betroffen. Besonders die steigenden Wohnkosten in Wohnheimen setzen deren Bewohner:innen massiv unter Druck. Die Kosten für ein Zimmer stiegen beispielsweise in den vergangenen zehn Jahren um unfassbare 61 Prozent an.
Finanzielle Schwierigkeiten
Bei dem Anteil der Studierenden mit finanziellen Schwierigkeiten gab es im Vergleich zur vorigen Erhebung eine leichte Verbesserung von 29 auf 25 Prozent. Von finanziellen Schwierigkeiten betroffen sind allerdings weiterhin spezifische Gruppen wie beispielsweise Studierende mit nicht wohlhabenden Eltern oder Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss, Alleinerziehende, Studierende aus Drittstaaten oder Studierende mit Migrationshintergrund. Rund 14 Prozent der Studierenden sind sozial und materiell depriviert, wobei 9 Prozent erheblich depriviert sind. Das bedeutet, dass es aus finanziellen Gründen beispielsweise nicht möglich ist, wichtige Ausgaben wie Reparaturen zu tätigen oder an kostenpflichtigen sozialen Aktivitäten teilzunehmen. Die Gründe für finanzielle Schwierigkeiten sind am häufigsten, dass die Eltern nicht stärker unterstützen können oder auch ungeplante hohe Ausgaben, mangelnde Erwerbstätigkeit, das Auslaufen der Familienbeihilfe, hohe Ausgaben für das Studium oder gesundheitliche Gründe.
Bildungschancen in Österreich
In Österreich sind etwa 54 Prozent der Studierenden „First-Generation Students“. Das heißt, dass kein Elternteil über einen Hochschulabschluss verfügt, sie also die Ersten in der Familie sind, die ein Studium absolvieren. Besonders viele First-Generation Students studieren an den Fachhochschulen und in berufsbegleitenden Studiengängen. Obwohl mittlerweile viele Menschen als Erste in ihrer Familie ein Studium aufnehmen, sind Kinder von Eltern ohne Hochschulabschluss im österreichischen Bildungssystem weiterhin benachteiligt. Die Studierendensozialerhebung weist auf die starke Vererbung von Bildung in Österreich hin. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch ein Studium beginnt, ist etwa 2,5-mal höher, wenn der Vater eine Matura hat. Doch auch, wenn das Studium einmal begonnen wurde, bleiben Probleme für Studierende aus Familien mit geringen Bildungsabschlüssen bestehen. Studierende, deren Eltern höchstens über einen Pflichtschulabschluss verfügen, sind öfter von finanziellen Schwierigkeiten betroffen und weisen öfter ein reduziertes Wohlbefinden auf.
Zeit zu handeln!
Die Ergebnisse der aktuellen Studierendensozialerhebung zeigen klar auf, dass gehandelt werden muss. Finanzielle Schwierigkeiten und Armutserfahrungen dürfen kein normaler Teil des Studierendenlebens sein. Studierende brauchen mehr Unterstützung, um sich das Studieren auch wirklich leisten zu können.
Ein zentraler Ansatzpunkt ist die finanzielle Absicherung: Eine deutliche Erhöhung der Studienbeihilfe sowie eine Ausweitung des Bezieher:innenkreises, beispielsweise auf ältere Studierende, könnten hier einen wesentlichen Beitrag leisten. Ebenso wichtig ist die Frage des leistbaren Wohnens, vor allem in Städten – eine Wiedereinführung der Studierendenwohnheimförderung und eine Mietpreisregulierung könnten dafür sorgen, dass das Studierendenleben wieder leistbarer wird. Dadurch könnten Studierende von der Erwerbsarbeit entlastet werden, um sich auch wirklich auf das Studium konzentrieren zu können. Schließlich brauchen auch jene Studierenden Unterstützung, die neben dem Studium erwerbstätig sind: Passende Lehrveranstaltungsangebote und entsprechende didaktische Methoden würden helfen, Studium und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können.