Frauen mit Migrationsbiografie gelten oft als „schwer integrierbar“ am Arbeitsmarkt. Unsere Erfahrung in der Frauenberatung der Beratung für Migrant:innen zeigt jedoch ein anderes Bild: Es fehlt nicht an Motivation, sondern an strukturellen Rahmenbedingungen, die eine tatsächliche Teilhabe ermöglichen, wie sich auch aus einer Studie bezüglich geflüchteter Frauen bestätigt.
Migration ist nicht geschlechtsneutral
Migration wird in politischen Debatten häufig als geschlechtsneutral behandelt. In der Realität erleben Frauen jedoch andere und zusätzliche Hürden als Männer. In Österreich leben knapp 900.000 Frauen ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Viele von ihnen sind durch Flucht, Familiennachzug oder Arbeitsmigration – etwa im Pflegebereich – nach Österreich gekommen.
Migration betrifft Frauen jedoch anders als Männer: Sie erleben häufiger Mehrfachbelastungen, strukturelle Abhängigkeiten und unsichtbare Hürden, die ihre Integration massiv erschweren. Frauen tragen Verantwortung für Kinder, Familie und Haushalt – oft zusätzlich zur Existenzsicherung. Gleichzeitig wird ihre Integration häufig als individuelle Bringschuld verstanden, als etwas, das jede Person „selbst schaffen muss“, nicht als gesellschaftliche Aufgabe.
Die Rahmenbedingungen, unter denen diese Leistung erbracht werden soll, bleiben dabei häufig unberücksichtigt. In der Frauenberatung des Beratungszentrums für Migranten und Migrantinnen begleiten wir täglich Frauen, die Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung, Behördengänge und Integrationsanforderungen gleichzeitig bewältigen müssen. Diese Mehrfachbelastung ist kein Randphänomen, sondern strukturelle Realität.
Strukturelle Barrieren statt fehlender Motivation
Die Frauen, die wir in der Frauenberatung begleiten, sind hoch motiviert. Viele verfügen über Berufserfahrung, Qualifikationen und eine starke Bildungsorientierung – nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder.
Dennoch stoßen sie auf wiederkehrende strukturelle Hürden:
- Sprachkurse sind oft nicht zugänglich, weil Kinderbetreuung fehlt.
- Qualifikationen werden nicht oder nur sehr langsam anerkannt.
- Arbeitsmöglichkeiten beschränken sich auf prekäre, niedrig entlohnte Bereiche.
- Behördenwege sind komplex und schwer verständlich.
- Rechtliche Rahmenbedingungen schaffen Abhängigkeiten statt Sicherheit.
Eine typische Situation aus der Beratung: Eine Frau mit drei Kindern möchte einen Deutschkurs besuchen, um arbeiten zu können. Ohne Kinderbetreuung ist das nicht möglich. Ohne Sprachkenntnisse bleibt der Zugang zum Arbeitsmarkt verschlossen. Es entsteht eine strukturelle Sackgasse. Besonders geflüchtete Frauen und Alleinerziehende geraten so in eine Spirale aus Abhängigkeit, Armut und sozialer Isolation.
Sprache braucht Zeit und Betreuung
Deutschkenntnisse sind wichtig für Arbeit, Bildung und Selbstständigkeit. Doch Sprachkurse helfen nur dann, wenn sie erreichbar sind. Viele Frauen können nicht teilnehmen, weil Kinderbetreuung fehlt oder Kurszeiten nicht zu ihrem Alltag passen.
Sprache ist deshalb nicht nur ein Schlüssel zur Teilhabe. Sprache kann auch zur Hürde werden, wenn das System zu unflexibel ist.
Arbeitsmarkt: hohes Engagement, geringe Anerkennung
Frauen mit Migrationsbiografie arbeiten überdurchschnittlich oft in schlecht bezahlten, körperlich belastenden Branchen wie Reinigung, Gastronomie oder Hotellerie. Gleichzeitig ist ihr Anteil in gut bezahlten, sicheren Beschäftigungsfeldern wie Verwaltung oder Finanzwesen sehr gering. Viele Qualifikationen bleiben ungenutzt, weil Abschlüsse nicht sofort anerkannt werden oder der Zugang zu passenden Jobs schwer ist.
Ohne Anerkennung von Qualifikationen und gezielte Unterstützung bleibt dieses Potenzial jedoch ungenutzt. Das ist nicht nur für die Frauen ein Problem, sondern auch für den Arbeitsmarkt. Potenzial bleibt liegen, obwohl Fachkräfte gebraucht werden.
Ein wichtiger Teil der Lösung liegt auch bei den Arbeitgeber:innen. Unternehmen können Frauen mit internationaler Migrationsbiografie den Einstieg erleichtern – durch faire Ausschreibungen, Mentoring und flexible Arbeitszeiten.
Wenn Abhängigkeit zur Hürde wird
Besonders problematisch wird es, wenn der Aufenthaltsstatus von einer Partnerschaft abhängt. Dann kann Trennung zu rechtlicher und finanzieller Unsicherheit führen. Das macht Frauen verletzlicher, vor allem bei Gewalt oder in Krisensituationen. Wer keinen gesicherten Aufenthaltsstatus und kein eigenes Einkommen hat, kann sich schwieriger aus belastenden Beziehungen lösen.
Aus dem ÖIF-Forschungsbericht zu Gewalterfahrungen von Frauen mit Migrationshintergrund im Kontext von COVID-19 zeigt sich deutlich, dass neben strukturellen Faktoren auch kulturell geprägte Rollenbilder und familiäre Erwartungen eine zentrale Rolle im Alltag vieler Frauen spielen. Diese können dazu führen, dass Frauen in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt sind und vorhandene Unterstützungsangebote oder Möglichkeiten – etwa im Bildungs- oder Arbeitsmarktbereich, Zugang zur Staatsbürgerschaft usw. – nicht im gleichen Ausmaß nutzen können, wie es im österreichischen System vorgesehen wäre.
Diskriminierung und strukturelle Ausschlüsse
Neben strukturellen Hürden erleben viele Frauen auch Diskriminierung am Arbeitsmarkt. Diese zeigt sich nicht immer offen, sondern oft in indirekten Mechanismen:
- geringere Chancen bei Bewerbungen
- eingeschränkter Zugang zu qualifizierten Tätigkeiten
- fehlende Berücksichtigung von Mehrsprachigkeit als Kompetenz
Gleichzeitig fehlen gezielte Programme, die Frauen mit Betreuungspflichten oder unterbrochenen Bildungsbiografien systematisch unterstützen.
Was jetzt helfen würde
Wenn Arbeitsmarktintegration gelingen soll, braucht es strukturelle Veränderungen:
- Ausbau von Kinderbetreuung, insbesondere in Zusammenhang mit Sprachkursen
- schnellere und transparentere Anerkennung von Qualifikationen
- flexible und leistbare Bildungsangebote
- rechtliche Rahmenbedingungen, die Unabhängigkeit ermöglichen
- gezielte Programme für den Einstieg in qualifizierte Beschäftigung
Fazit
Migrantische Frauen scheitern nicht am Arbeitsmarkt, weil sie zu wenig leisten oder wollen. Sie scheitern an Strukturen, die ihre Lebensrealitäten nicht berücksichtigen. Eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration erfordert daher mehr als individuelle Anpassung. Sie erfordert ein System, das Teilhabe tatsächlich ermöglicht.