Österreichs Abgabensystem ist auf den Faktor Arbeit zugeschnitten. So weit, so gut. Dieser Befund ist durch diverse Auswertungen und Studien gut belegt. Eine aktuelle Studie geht hier einen Schritt weiter und untersucht die Abgabenleistung differenziert nach Branchen- und Unternehmenscharakteristika. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Schieflage im Abgabensystem zugunsten von kapitalintensiven Unternehmen mit gleichzeitig geringem Personaleinsatz. Dieses Ungleichgewicht verschärft sich zunehmend durch rückläufige Lohnanteile in investitionsstarken Unternehmen.
Fast 57 Prozent aller Abgaben waren im Jahr 2025 direkt arbeitsbezogen
Wie ist der derzeitige Status quo des Abgabensystems in Österreich? Die gesamten Einnahmen aus Abgaben beliefen sich – laut Einzelsteuerliste der Statistik Austria – auf rund 227 Mrd. Euro, was 44,3 Prozent des BIP entspricht.
Mit einem Anteil von 56,5 Prozent bilden Lohnsteuer, Sozialversicherungsbeiträge und sonstige Lohnabgaben (wie z. B. Beitrag zum Familienlastenausgleichsfonds, Kommunalsteuer) das mit Abstand wichtigste Fundament der Staatsfinanzierung. Deutlich dahinter folgen Steuern auf Konsum (wie z. B. Umsatz- oder Mineralölsteuer) mit 21,1 Prozent, während Abgaben auf Gewinne und Kapitalerträge lediglich 14,3 Prozent zum Gesamtaufkommen beitragen. Nahezu vernachlässigbar sind mit einem Anteil von nur 1 Prozent die Steuern auf Vermögen. Der verbleibende Anteil von 7,1 Prozent speist sich aus sonstigen Steuern, die nicht direkt privaten Haushalten und Unternehmen zuordenbar sind (wie z. B. Versicherungssteuern). Diese Verteilung unterstreicht die einseitige Belastung des Faktors Arbeit gegenüber Kapital und Vermögen.
60 Prozent der Abgaben wurden den Branchen zugeordnet
Auf Basis dieser Ausgangslage im Abgabensystem wurde in der vorliegenden Studie – mithilfe von verknüpften Steuer- und Unternehmensdaten der Statistik Austria – die Abgabenverteilung nach Branchen und Unternehmenscharakteristika detaillierter untersucht und mit volkswirtschaftlichen Indikatoren verknüpft. Von allen Abgaben konnten die größten direkten Abgaben, Lohn- und Einkommensteuer, die Sozialversicherungsbeiträge der Dienstnehmer:innen und Dienstgeber:innen sowie die Körperschaftsteuer, verwendet werden, womit ca. 60 Prozent des gesamten Abgabenvolumens auf die Branchen zugeordnet werden konnten.
Im langjährigen Durchschnitt (2013 bis 2020) – der Zeitraum, der auch als Basis für die Auswertungen in der Studie verwendet wurde – entsprechen die untersuchten Abgaben etwa 25,6 Prozent des BIP bzw. 28,8 Prozent der Bruttowertschöpfung (BWS) zu Herstellungskosten. Diese Werte erweisen sich im Zeitverlauf als stabil. Aktuellere Daten konnten deshalb nicht verwendet werden, da eine vollständige Körperschaftsteuerstatistik bei der Studienerstellung nur bis zum Jahr 2020 vorlag.
Abgaben gemessen an der Bruttowertschöpfung: Sozialwesen gibt fast 36 Prozent ab, Immobilienbranche nur 5 Prozent
Die nachfolgende Grafik verdeutlicht, wie stark die Streuung der Abgabenleistung der einzelnen Branchen ist – gemessen an der Bruttowertschöpfung (zu Herstellungskosten). Branchen wie das Heim- und Sozialwesen zeigen eine kumulierte Abgabenleistung aus Lohnsteuer, Sozialversicherungsbeiträgen und Körperschaftsteuer von über 35 Prozent der Bruttowertschöpfung, während die geringste Abgabenleistung im Grundstücks- und Wohnungswesen beobachtet wurde. Ein gesonderter Blick auf die Körperschaftsteuer offenbart die strukturelle Schieflage: Während im Sozialwesen die KöSt mit 0,1 Prozent quasi gar nicht ins Gewicht fällt, leisten selbst hochprofitable Sektoren wie die Telekommunikation (1,1 Prozent) oder der Bereich Grundstücks- und Wohnungswesen (2,1 Prozent) einen verschwindend geringen Beitrag gemessen an ihrer Bruttowertschöpfung. Aber auch innerhalb der Industrie ist die Abgabenleistung sehr unterschiedlich, abhängig davon, wie personalintensiv der jeweilige Industriezweig ist. Während in der Mineralölverarbeitung die Abgabenleistung bei 7 Prozent der Bruttowertschöpfung liegt, ist in der Textil- und Bekleidungsindustrie bzw. in der Metallindustrie die kumulierte Abgabenleistung ca. 30 Prozent.
Je höher der Lohnanteil desto höher die Abgabenquote
Das Ausmaß der strukturellen Schieflage im Abgabensystem kann noch weiter verdeutlicht werden, indem der Lohnanteil in den Branchen ihrer jeweiligen Abgabenleistung gegenübergestellt wird.
Kurz zusammengefasst: Je menschlicher und betreuungsintensiver eine Dienstleistung ist, desto höher ist die fiskalische Leistung aus der erbrachten Bruttowertschöpfung. Im Sektor Heime und Sozialwesen entfallen beispielsweise 85,2 Prozent der Bruttowertschöpfung auf Löhne und Gehälter. Dieser hohe Lohnanteil führt zwangsläufig zu der hohen Abgabenquote von 35,7 Prozent. Am anderen Ende des Spektrums finden wir das Grundstücks- und Wohnungswesen. Mit einem Lohnanteil von lediglich 6,4 Prozent fällt auch die Abgabenquote auf marginale 4,8 Prozent ab. Da in diesem Sektor die Bruttowertschöpfung primär durch Kapitalbesitz und Mieten generiert wird, entzieht er sich fast vollständig der Finanzierung des Sozialstaats.
Technologieintensive Unternehmen und Branchen haben niedrigere Abgabenquote
Aber wie verhält sich die Abgabenleistung zwischen technologieintensiven und weniger technologieintensiven Branchen und Unternehmen? Da Technologieintensität in den Daten nicht direkt messbar ist, wurde versucht, durch Investitionsklassen eine Annäherung zu dieser Frage zu finden.
In untenstehender Grafik werden die gesamten Investitionen als Proxy für Technologieintensität dargestellt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass weniger technologieintensive Unternehmen mehr Abgabenleistung erbringen, während technologie- und kapitalintensive Unternehmen relativ weniger beitragen. Während bei niedriger Technologieintensität noch 62,3 Prozent der Bruttowertschöpfung auf Löhne und Gehälter entfallen, sinkt dieser Anteil in hoch technologisierten Unternehmen auf nur 40,8 Prozent. Entsprechend sinkt die gesamte Abgabenquote von 34,3 Prozent in weniger technologieintensiven Firmen auf 25,4 Prozent in technologieintensiven.
Dieser Zusammenhang in der gleichen Größenordnung bestätigt sich auch, wenn die Investitionen feiner in unterschiedliche Investitionsklassen unterschieden werden. Auch bei der Betrachtung von Investitionen in Sachanlagevermögen, Maschinen oder Büromaschinen (als Untergruppe der Maschineninvestitionen) als Parameter für Technologieintensität werden diese Ergebnisse bestätigt.
In den Ergebnissen hat sich auch gezeigt, dass die Abgabenleistung bezüglich der Körperschaftsteuer nur geringe Unterschiede zwischen den Technologieklassen (egal welche Investitionsklasse untersucht wurde) aufweist und, wie in den Ergebnissen zuvor schon ersichtlich, im Vergleich zu den arbeitsbezogenen Abgaben eine untergeordnete Rolle spielt.
Fazit
Die Studie zeigt, wie unterschiedlich die Abgabenleistung zwischen personalintensiven und kapitalintensiven Unternehmen und Branchen ist. In Zeiten von größeren technologischen Umbrüchen und deren unsicheren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt – und somit auf Beschäftigung, Beschäftigungsstruktur und Lohnsumme –, könnten diese Ergebnisse eine fundierte Grundlage für Debatten zu einer Reform des Abgabensystems bieten, um mehr Steuergerechtigkeit zwischen personal- und kapitalintensiven Unternehmen zu erreichen. Dabei geht es nicht nur um eine faire Lastenverteilung, sondern gleichzeitig auch um die langfristige Sicherung der Finanzierungsbasis unseres Sozialstaats. Eine zukunftsfähige Reform muss daher zum Ziel haben, alle Abgabenquellen möglichst gleich verteilt zur Finanzierung heranzuziehen.