Von Hämmern und Schnüren: Zins­politik in Zeiten externer Preis­schocks

08. September 2026

Erstmals seit drei Jahren hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni 2026 den Leitzins von 2,15 % auf 2,40 % angehoben. Der Grund: die neuerlich höhere Inflationsrate, ausgelöst vom fossilen Energiepreisschock. Die Leitzinserhöhung dürfte jedoch die ohnehin schwache Konjunktur dämpfen und die Finanzierung dringend nötiger Investitionen in erneuerbare Energie erschweren. Gegen einen importierten Energiepreisschock ist die Zinswaffe jedoch das falsche Werkzeug – gefragt sind andere wirtschaftspolitische Instrumente.

Wie wirkt Zinspolitik? 

Der klassische Lehrbuchfall für das Entstehen von Inflation – also der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus – liegt dann vor, wenn in einer voll ausgelasteten Wirtschaft die Nachfrage ansteigt, aber das Angebot an Gütern kurzfristig nicht erhöht werden kann. In einer solchen Situation kann ein Anheben der Zinsen die Inflation reduzieren, weil es die Nachfrage dämpft, das Problem des Angebotsmangels wird aber nicht adressiert.  

Die Funktionsweise dieser Zinspolitik lässt sich über zwei Wirkungskanäle erklären: einerseits über den Zinskanal, denn bei höheren Zinsen ist es attraktiver, zu sparen und Geld fixverzinst (Sparbücher, Anleihen) anzulegen als zu konsumieren. Über den Kreditkanal werden gleichzeitig Investitionen gebremst, weil steigende Zinsen die Rentabilitätsschwelle für neue Projekte erhöhen. Beide Kanäle führen zu einer Reduktion der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage mit negativen Auswirkungen auf Investitionen, Wachstum und Beschäftigung.

Unternehmen und Haushalte in Österreich hatten Ende 2025 rund 664 Mrd. Euro an ausständigen Krediten, sodass ein Viertelprozentpunkt höhere Zinsen ihnen rund 1,6 Mrd. Euro pro Jahr kostet. Zum Vergleich: Das ist mehr als das gesamte Nettokonsolidierungsvolumen 2027 des eben erst beschlossenen Doppelbudgets der Bundesregierung, wobei diesen Mehrkosten auch Mehreinnahmen der Sparer:innen und Banken gegenüberstehen.

Der Ruf nach Zinserhöhungen wird auch oft lauter, wenn sich auf Vermögensmärkten, etwa am Immobilienmarkt, spekulative Blasen bilden und es zu Vermögenspreisinflation kommt. Eine der Lehren aus der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 war es, auf mittlerweile im Euroraum erprobte Regulierungsinstrumente für spezifische Märkte zurückzugreifen. Diese sollten aus überhitzten Teilmärkten, wie dem Immobilienmarkt, Luft ablassen, statt durch Zinsschritte indirekt über das Abwürgen von Wachstum und Beschäftigung spekulative Blasen zu bekämpfen. 

Zinserhöhungen schwächen zuerst die Konjunktur und wirken erst dann indirekt preisdämpfend, wenn sich die Nachfrage verringert. Die volkswirtschaftlichen Kosten einer Zinserhöhung sind damit umso höher, je weiter eine Volkswirtschaft von einer Vollauslastung und Vollbeschäftigung entfernt ist.

An Schnüren kann gezogen, aber nicht geschoben werden

Der US-Ökonom John Kenneth Galbraith hat die Asymmetrie der Geldpolitik mit einer Schnur beschrieben, die nur gezogen aber nicht geschoben werden kann: Erhöht die Zentralbank die Leitzinsen, um die Inflation zu bekämpfen, wirkt das prompt negativ auf die Nachfrage. Reduziert sie die Zinsen, gibt es jedoch keine Garantie dafür, dass die Banken tatsächlich günstigere Kredite vergeben können. Zentralbanken können Investitionen zwar abwürgen, aber die Kreditnachfrage von Unternehmen und Haushalten nicht erzwingen. Kurz gesagt: Eine Zinserhöhung kann nicht einfach durch eine Zinssenkung rückgängig gemacht werden.

Laut dem US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow ist es verlockend, „wenn das einzige Werkzeug, das man hat, ein Hammer ist, alles zu behandeln, als ob es ein Nagel wäre.“ Die jüngste Leitzinsanhebung wirkt wie ein weiteres Beispiel dafür: Das zentrale und vertraute Werkzeug der EZB ist der Leitzins. Und diesen verwendete sie, selbst wenn dieser gegen den globalen Energiepreisschock nur wenig ausrichten kann.

Externe Preisschocks mit Geldpolitik zu bekämpfen, ist teuer und sinnlos 

Der Ausgangspunkt für die aktuelle Inflation ist nämlich ein Preisschock, der durch eine plötzliche Verknappung mehrerer wichtiger Rohstoffe ausgelöst wurde und in einen sprunghaften Preisanstieg mündete. Da davon grundlegende Güter betroffen sind, die in vielen Wertschöpfungsketten und Produktionsprozessen eingesetzt werden, schlägt der Preisschock auf andere Wirtschaftsbereiche durch. Für energieimportierende Länder kommt es durch die Preisexplosion zu Wohlstandsverlusten und einer Umverteilung zu den internationalen Energiekonzernen.

Zur Bekämpfung der Teuerung durch externe Preisschocks sind viele Bereiche der Wirtschaftspolitik gefragt. Die Geldpolitik ist dabei gesamtwirtschaftlich besonders kostspielig. Durch die geschwächte Nachfrage könnte zwar theoretisch ein weiterer Anstieg der inländischen Preise vermieden werden, die eigentlichen Ursachen des externen Preisschocks werden dadurch aber nicht bekämpft. Es besteht also das Risiko, dass die Konjunktur abgewürgt wird, ohne dass die Wurzeln des Inflationsproblems angetastet werden.

Wissenschaft bei aktueller Geldpolitik gespalten

Die Einschätzungen aus der Wissenschaft zur Reaktion der Geldpolitik auf die aktuellen Preisschocks sind gespalten: Einige Forscher:innen halten den Einfluss von Zinserhöhungen auf globale fossile Energiepreise für sehr beschränkt und befürchten durch die steigenden Kapitalkosten sogar eine Verlangsamung von dringend nötigen Investitionen in grüne Alternativen; andere Expert:innen erhoffen sich durch eine frühzeitige Intervention der EZB, dass die Ausbreitung und Verfestigung der Inflation in alle Wirtschaftsbereiche über Zweit- und Drittrundeneffekte verhindert wird.

Einigkeit besteht aber grundsätzlich darin, dass die Geldpolitik die ökonomischen Folgekosten des globalen Angebotsschocks nicht allein lösen kann, sondern eine starke Koordination mit anderen wirtschaftspolitischen Instrumenten notwendig ist. Das zeigt auch die im Juni 2026 von der Generaldirektion Wirtschaft des Europäischen Parlaments veröffentlichte Kurzstudie. Im Fokus steht die Frage, wie die EZB den inflationären Auswirkungen begegnen kann, ohne die wirtschaftliche Aktivität unverhältnismäßig zu schwächen. Anhand von Analysen europäischer Forschungsinstitute resümiert das Papier, dass klassische geldpolitische Werkzeuge wie Zinserhöhungen die Nachfrage reduzieren, ihre Wirksamkeit gegen angebotsseitig ausgelöste Inflation aber begrenzt bleibt.

Wie sollte die Fossilflation tatsächlich bekämpft werden?

© A&W Blog


Die durch die Angriffskriege von Russland auf die Ukraine und von den USA und Israel auf den Iran ausgelösten Preisschocks für fossile Energieträger treiben die Inflation im Euroraum massiv und treffen die ohnehin angeschlagene europäische Wirtschaft hart.

Vor allem die Binnen- und Investitionsgüternachfrage schwächelt und der Arbeitsmarkt ist von der Serie an Krisen zunehmend überfordert. Durch die frühzeitige Zinsanhebung der EZB besteht die Gefahr, die Situation weiter zu verschärfen, wie es zuletzt inmitten der Euro-Krise 2011 der Fall war. Damals machte die EZB den schwerwiegenden Fehler, in einem konjunkturell schwachen Umfeld den Leitzins anzuheben, um wenige Monate später wieder eine Senkung vornehmen zu müssen, da die wirtschaftliche Erholung abgewürgt wurde. Es war der Beginn einer jahrelangen Niedrigzinsphase.

Bei einer „Fossilflation“, also einem angebotsseitigen Preisschock durch fossile Energieträger, sollte statt einer riskanten geldpolitischen Reaktion ein Bündel an wirtschaftspolitischen Maßnahmen eingesetzt werden:

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1. Strompreis von den Gaspreisen entkoppeln

Damit der Preisschock am Energiemarkt nicht voll auf andere Energieträger wie Strom durchschlägt, braucht es eine Reform des Strompreissystems. Ansätze dafür liefern etwa das „iberische Modell“ oder das WIFO-Modell.

2. Preise und Gewinnmargen gezielt begrenzen

Bei Gütern, deren Preise direkt an die Konsument:innen weitergegeben werden, weil sie an den Verbraucherpreis gekoppelt sind (z. B. Mieten), können befristete Preiseingriffe verhindern, dass sich die Teuerung über Zweitrundeneffekte in der gesamten Wirtschaft festsetzt. Auch Begrenzungen von überschießenden Gewinnmargen und Überprofiten sind sinnvoll, damit sich Konzerne in der Krise nicht auf Kosten der Allgemeinheit bereichern.

3. Erneuerbaren-Ausbau beschleunigen

Mittelfristig ist die Substitution der fossilen durch erneuerbare Energieträger die wirksamste Maßnahme: Deren Erzeugungskosten sind durch technologischen Fortschritt und Skaleneffekte so weit gesunken, dass anders als bei Öl und Gas auf absehbarer Zeit kein preistreibender Effekt zu erwarten ist. Als Nebeneffekt macht das Europa auch unabhängiger von geopolitischen Schocks und den Launen autokratischer Regime.

Die Umsetzung der ökologischen Transformation hängt dabei nicht nur an rechtlichen und bürokratischen Fragen wie Genehmigungsverfahren, sondern vor allem an den Finanzierungsbedingungen, also den Zinsen. Die Anhebung der Zinsen bei externen Energiepreisschocks in einer schwachen Konjunkturlage ist also nicht nur mit hohen Kosten in Form von Wachstums- und Beschäftigungsverlusten verbunden, sie gefährdet auch jene Investitionen in erneuerbare Energien, die Europa langfristig von genau diesen Schocks unabhängig machen würden. 

Fazit 

Im Ergebnis erhöht die EZB-Reaktion auf Energiepreisschocks das Risiko, dass aus der Fossilflation eine Stagflation wird: Konjunktur und Beschäftigung werden gedämpft, ohne dass die eigentlich preistreibenden Faktoren davon berührt werden. Zinspolitik ist gegen einen importierten Angebotsschock schlicht das falsche Werkzeug – gebraucht wird stattdessen ein Bündel an gezielten Maßnahmen: eine Entkopplung der Strompreise von den Gaspreisen, befristete Eingriffe gegen überschießende Preise und Gewinnmargen sowie vor allem einen raschen Ausbau der erneuerbaren Energien. Nur damit lässt sich verhindern, dass sich Europa von Krise zu Krise hanteln muss – abhängig von der Laune autokratisch agierender Staatsoberhäupter und sehenden Auges tiefer in die dramatischen Folgen der Erderhitzung schlitternd. 

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