Obwohl die neue EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung Mitbestimmungsrechte vorsieht, müssen sich Betriebsrät:innen diese in der Praxis oft erst erkämpfen – und scheitern oft an fehlenden Ressourcen. Neun Betriebsrät:innen aus unterschiedlichen Branchen berichten von ihren Erfahrungen im Betrieb.
Die neue EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung, kurz CSRD, bringt neue Mitbestimmungsrechte für die Arbeitnehmer:innenvertretung. Zwischen Mai und Juli 2025 habe ich neun Betriebsrät:innen aus verschiedenen Branchen (Finanz, Warenherstellung, Gesundheit, Verkehr und Beherbergung) zu ihren Erfahrungen mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung befragt. Das Ergebnis: sieben von neun der befragten Unternehmen erstellen bereits einen CSRD-konformen Nachhaltigkeitsbericht, entweder zur Vorbereitung auf die kommende Pflicht oder auf Druck von Kund:innen und Investor:innen. Während auf EU-Ebene über Abschwächungen verhandelt wird und in Österreich die Umsetzung noch ausständig ist, zeigt die Praxis, dass in vielen Betrieben die Nachhaltigkeitsberichterstattung längst läuft.
Zwischen Bürokratie und Chance
Viele Betriebsrät:innen haben ein ambivalentes Verhältnis zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Kritische Stimmen sehen darin „wieder mehr Bürokratie“ (Interview 1) oder ein PR-Instrument:
„Der CEO wollte das unbedingt haben, um nach außen zu repräsentieren […] damit es in der Öffentlichkeit gut ankommt“ (Interview 2)
Gleichzeitig erkennen alle Befragten auch das strategische Potenzial. Ein Mitglied des Betriebsrats bringt es auf den Punkt:
„Als Chance […], dass man vor allem Themen, wo man bis jetzt in der normalen Argumentation nicht weitergekommen ist, […] die über die Nachhaltigkeit entsprechend argumentiert […] Fluktuation […], altersgerechtes Arbeiten […] versuchen jetzt über die Nachhaltigkeitsschiene quasi zum Ziel zu kommen.“ (Interview 2)
Die größte Hürde: Komplexität und Ressourcenmangel
Die größte Herausforderung ist nicht mangelndes Interesse, sondern die Komplexität: „Das machst du nicht im Vorbeigehen, du musst dich wirklich einlesen“ (Interview 1). Dazu kommt massiver Zeitmangel:
„Ich kann mich nicht dann auf ein Thema so stark konzentrieren. […] Einmal ist der Fokus ganz stark auf arbeitsrechtliche Unterstützung, dann gibt es wieder dort ein Lauffeuer […] Dann lieber zulasten dieses Themas [Anm.: der Nachhaltigkeitsberichterstattung].“ (Interview 8)
Erschwerend kommt hinzu, dass die Berichte oft extrem umfangreich sind und viel zu spät übermittelt werden:
„Wenn du heute den Nachhaltigkeitsbericht zwei Wochen davor kriegst […] und dann hast du 345 Seiten zu durchforsten, dann ist das halt ein bisschen Nadel-im-Heuhaufen-Suchen.“ (Interview 2)
Eine echte Prüfung und inhaltliche Mitgestaltung ist unter diesen Bedingungen kaum möglich.
Von null bis voll eingebunden: Die Beteiligung variiert stark
Die Unterschiede bei der Einbindung der Betriebsrät:innen sind enorm – von Unternehmen, in denen der Betriebsrat gar nicht beteiligt und lediglich informiert wird, bis hin zu einer umfassenden Einbindung von Anfang an im gesamten Prozess.
Eine zentrale Erkenntnis der Befragungen:
„Also ich glaube, dass sich viele Betriebsräte erst das Recht erkämpfen müssen, […] mitzubestimmen. […] Die Herausforderung, finde ich, ist, […] die Unternehmen dazu zu bringen, auch alle Betriebsräte mit einzubinden.“ (Interview 6)
Erfolge gibt es durchaus
Betriebsrät:innen konnten Themen wie Fluktuation, Diversität und Gender-Pay-Gap in die Nachhaltigkeitsberichterstattung einbringen: „Das hat man dann letztendlich auch gemacht. Mittlerweile ist es halt auch Teil der Berichterstattung.“ (Interview 5)
Wichtig war auch, auf faktenbasierte Berichterstattung zu bestehen:
„Da habe ich gesagt: […] da geht es um Kennzahlen, da geht es um Daten und Fakten, nicht darum, dass man eine PR-Broschüre macht.“ (Interview 9)
Was Betriebsrät:innen brauchen
Der größte Bedarf liegt beim praxisnahen Wissen. Schulungen, die „einfach verständlich“ sind und konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Ebenso wichtig ist der Austausch mit anderen Betriebsrät:innen und Best-Practice-Beispiele aus anderen Unternehmen. Die Befragten betonen, wie wertvoll es ist, von anderen zu lernen, ihre Erfolgsstrategien kennenzulernen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Was jetzt passieren muss
Mit der neuen CSRD eröffnen sich für Betriebsrät:innen erweiterte Mitbestimmungsrechte und die Chance, Nachhaltigkeit aktiv im Unternehmen mitzugestalten. Die Interviews zeigen aber: Gesetzliche Rechte allein reichen nicht aus. Es braucht konkrete Maßnahmen auf mehreren Ebenen:
- Mehr Ressourcen schaffen: Die Komplexität der Nachhaltigkeitsberichterstattung erfordert Zeit. Notwendig sind mehr freigestellte Betriebsrät:innen und eine Ausweitung der Bildungsfreistellung für diese komplexe Materie. Betriebsrät:innen können ihre Mitbestimmungsrechte nur wahrnehmen, wenn sie dafür auch die Zeit haben.
- Qualifizierung stärken: Die Befragten schätzen die Fortbildungsangebote von Arbeiterkammer und Gewerkschaften sehr. Einfache Schulungen mit regelmäßigen Updates zu aktuellen Entwicklungen müssen weiter ausgebaut werden.
- Strukturen innerhalb des Betriebsrats aufbauen: Klare Zuständigkeiten und institutionelle Verankerung innerhalb des Betriebsrats ermöglichen eine proaktive Mitbestimmung. Wo die Nachhaltigkeitsberichterstattung zur Aufgabe einzelner wird, die sie nebenbei erledigen sollen, scheitert eine starke Beteiligung.
Hier geht es zur Studie.