Gesundheit geht nur gemeinsam: Arbeits­kampf für ein gutes öffent­liches Gesundheits­system

22. Juli 2026

Die Wiener Ordensspitäler sind wichtiger Bestandteil der öffentlichen Gesundheitsversorgung der Stadt. Hier zeigt die Kampagne Wir Sorgen Gemeinsam (WSG) seit einem Jahr vor, wie Zusammenarbeit zwischen Beschäftigten, Gewerkschaft und Aktivist:innen aus der Zivilgesellschaft aussehen kann. Gemeinsam konnten nicht nur nachhaltige Mitbestimmungsstrukturen aufgebaut, sondern auch Kürzungen abgewendet werden. Dadurch wird klar: Wenn Kämpfe verbunden werden, ist erfolgreicher Widerstand gegen Einsparungen vonseiten Politik und Arbeitgebern möglich.

Wieso muss es gemeinsam sein?

Ein gutes Gesundheitssystem ist der Grundstein unserer Gesellschaft – gerade vor dem Hintergrund systemischer Herausforderungen wie einer alternden Bevölkerung und zunehmender Belastung durch Extremwetter. Gleichzeitig ist das Gesundheitssystem auch in der Krise: Mittel werden gekürzt, viele Beschäftigte stehen an der Belastungsgrenze. Diese Überbelastungen sind keinesfalls nur Problem der Beschäftigten, sondern ein gesellschaftliches Problem. Wir alle sind darauf angewiesen, dass wir und unsere Liebsten gute Betreuung erfahren, wenn wir oder sie es brauchen.

Klar ist jedoch auch, dass diese Schwierigkeiten nur von den Beschäftigten selbst benannt und geändert werden können. Sie sind es, die das Gesundheitssystem Tag für Tag aufrechterhalten. Ein Netzwerk aus zivilgesellschaftlichen Aktivist:innen hat sich deshalb gemeinsam mit der Gewerkschaft vida und den Beschäftigten der Ordensspitäler zusammengeschlossen.

Dabei lag der Fokus auf zwei Komponenten: betriebliche Arbeit im Rahmen der Verhandlungen des Kollektivvertrags (KV) und begleitende Öffentlichkeitsarbeit. Als Pilotprojekt wurde im Rahmen des KV 2026 der Fokus auf die Berufsgruppen der MTD (medizinisch-therapeutisch-diagnostischen Gesundheitsberufe) und Hebammen gelegt.

Austausch mit Beschäftigten als Basis und Motor für Veränderung

Nur mit den Beschäftigten gemeinsam können sinnvolle Veränderungen erarbeitet werden. Vor diesem Hintergrund lag ein besonderes Augenmerk der Kampagne auf der Stärkung der Partizipation und Demokratisierung. Das Ziel war, bei den KV-Verhandlungen möglichst viele Beschäftigte im Prozess mitzunehmen.

Konkret bedeutete dies vor allem, dass viele Gespräche geführt wurden. Dabei ging es primär darum, abzufragen: Wie ist es gerade für dich in der Arbeit? Was ist dein Anliegen, was muss sich ändern? Dabei sind viele Punkte aufgekommen, die auch in die KV-Verhandlungen eingeflossen sind. Genauso wichtig ist aber, dass durch die Gespräche die Menschen aktiviert und eingebunden wurden. Der letzte Teil solcher Gespräche war demnach immer ein Handlungsaufruf: Was kannst du jetzt als Nächstes tun, um dein bzw. euer Anliegen anzugehen?

In gemeinsamen Treffen diskutierten die Beschäftigten, welche Forderungen sie in die KV-Verhandlungen einbringen wollen. Diese kollektive Auseinandersetzung mit den Arbeitsbedingungen war ein entscheidender Schritt hin zur Selbstermächtigung.

Mehr Mitbestimmung für die Beschäftigten – mehr Macht für die Gewerkschaft!

Besonders zentral für eine Demokratisierung der Strukturen waren die sogenannten Team-Delegierten. In jedem der sieben Wiener Ordensspitäler wurden die betroffenen Beschäftigten aufgerufen, einen bzw. eine Teamdelegierte:n zu wählen. Diese Person fungierte als Bindeglied zwischen ihrem Team und dem KV-Verhandlungsteam. Aus den Teamdelegierten wurde zusätzlich ein bzw. eine Verhandlungsdelegierte:r pro Berufsgruppe gewählt, die an den Verhandlungsterminen teilnahmen. So entstanden sowohl ein direkter Mitbestimmungsprozess als auch ein wechselseitiger Informationsfluss.

Das hat drei entscheidende Vorteile:

  • Direkte Einbeziehung der Beschäftigten in gewerkschaftliche Prozesse: Die Gewerkschaft wird für die Beschäftigten greifbarer. Durch ihr Engagement lernen sie mehr über ihre Rechte und Handlungsspielräume. Zudem vernetzen sie sich mit Kolleg:innen und tauschen sich über ihre Arbeitsbedingungen aus.
  • Forderungen in den KV-Verhandlungen sind näher an der Arbeitsrealität: Beschäftigte der verschiedenen Berufsgruppen entscheiden selbst, was sie am dringendsten brauchen. Sie können auch selbst evaluieren, ob ein Kompromiss für sie noch sinnvoll ist. Das sorgt auch für mehr Rückhalt hinter den KV-Verhandlungen in der Belegschaft.
  • Glaubhaftere Forderungen gegenüber den Arbeitgebern: Bei Bedarf können Beschäftigte selbst in die Verhandlungen eingeladen werden und erklären, wieso etwas notwendig ist. So brachte 2026 eine Radiologietechnologin den Arbeitgebern eine Bleischürze mit, um zu demonstrieren, wie körperlich belastend die Arbeit damit ist.

Keine Kürzungen in den Wiener Ordensspitälern

Die Zusammenarbeit trägt auch weitere Früchte. Wie in vielen anderen Institutionen des öffentlichen Sozial- und Gesundheitsbereichs drohte die Stadt Wien auch in den Ordensspitälern vergangenen Winter Einsparungen an. Über fünf Jahre sollten ca. 75 Millionen Euro eingespart werden. Statt einer Lösung, die Beschäftigte und Patient:innen schützt, kündigte die Arbeitgeberseite daraufhin die Streichung von 1.800 Stellen an – fast ein Drittel der aktuellen Belegschaft. Die Folgen wären klar: steigende Arbeitslosigkeit im Gesundheitsbereich, zusätzliche Belastung für die verbleibenden Angestellten und eine schlechtere Versorgung für Wien.

© Wir Sorgen Gemeinsam


So war WSG gezwungen, einen zusätzlichen Fokus auf die Sicherung der Finanzierung der Ordensspitäler zu legen. Dass die Problematik von den Arbeitgebern und der Stadt ausging, sorgte für einen ungewöhnlichen Arbeitskampf. Doch gerade hier zahlte sich der Bündnisansatz von WSG besonders aus. Der Zusammenschluss aus Zivilgesellschaft, Gewerkschaft und Beschäftigten war sehr effektiv, um schnell Druck auf die Stadtregierung aufzubauen. Es folgten zahlreiche Aktionen, um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken.

Das Herzstück der Anti-Kürzungs-Kampagne waren zwei Petitionen, eine für unterstützende Patient:innen und eine für Beschäftigte der Ordensspitäler – 72 Prozent der Beschäftigten aller Ordensspitäler unterschrieben. Die zahlreichen Aktionen zeigten Erfolg: Zwar wurde das Budget für die Ordensspitäler 2026 knapp bemessen, doch die angekündigten Kürzungen blieben aus.

Der erfolgreiche Protest zeigt, dass vergangene wie zukünftige Budgetbeschlüsse keine unverrückbaren Tatsachen sind. Wenn sich Zivilgesellschaft, Gewerkschaft und Beschäftigte zusammenschließen, sich organisieren und Widerstand leisten, können solche Entscheidungen angefochten und verändert werden.

Gemeinsam geht es weiter

Die Kampagne Wir Sorgen Gemeinsam kann als Erfolg bezeichnet werden. In den KV-Verhandlungen konnten für einzelne Berufsgruppen entscheidende Verbesserungen erreicht werden. Die desaströsen Kürzungen und damit einhergehenden Entlassungen konnten verhindert werden.

Doch mit diesem Erfolg ist die Kampagne noch nicht zu Ende. Es ist mit weiteren Kürzungen im Gesundheitsbereich zu rechnen. Zudem muss auch der Status quo in den Krankenhäusern verbessert werden – das haben die Beschäftigten in den KV-Verhandlungen klar gemacht. Das erfolgreiche Abwenden der Kürzungen gibt jedoch Energie, diese Dinge anzugehen, mit dem Wissen, dass die Umstände verändert werden können.

Dafür wird es viel tatkräftige Unterstützung brauchen! Sowohl in den Ordensspitälern als auch abseits davon gilt: Es braucht aktive Gewerkschaften, starke Bündnisse und lauten Widerstand, um ein lebenswertes Wien für alle zu erkämpfen!

Mehr Informationen über die bisherige Kampagne finden sich hier: https://www.vida.at/de/kampagnen/wir-sorgen-gemeinsam.

Informationen über zukünftige Aktivitäten werden auf dem Instagram-Account von WSG veröffentlicht.

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