Der aktuelle Arbeitsmarktmonitor des WIFO zeigt: Österreich behauptet im EU-Vergleich Stärken wie die hohe Erwerbsteilnahme und Umverteilung durch den Sozialstaat, fällt in der allgemeinen Arbeitsmarktperformance jedoch weiter zurück. Besonders großen Aufholbedarf gibt es bei der Beschäftigungsintegration älterer Arbeitskräfte und bei der Gleichstellung von Frauen und Männern.
Zielsetzung, Methode und Gliederung
Das WIFO erstellt seit 2010 jährlich im Auftrag der AK Wien einen Arbeitsmarktmonitor und bietet darin eine vielschichtige Beschreibung der Arbeitsmarktentwicklung im Vergleich der 27 EU-Staaten. Die aktuelle Ausgabe des Arbeitsmarktmonitors bündelt 55 Einzelindikatoren in fünf Bereichsindizes (BI):
- Allgemeine Leistungskraft (Wirtschaftswachstum, Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Produktivität) des Arbeitsmarktes (BI 1)
- Erwerbsteilnahme unterschiedlicher Personengruppen (BI 2)
- Ausgrenzungsrisiken am Arbeitsmarkt (BI 3)
- Verteilung der Erwerbseinkommen (BI 4)
- Umverteilung durch den Sozialstaat (BI 5)
Es werden die rezent verfügbaren Daten verwendet, für die aktuelle Ausgabe sind das weitgehend Daten des Jahres 2024. Methodisch werden alle Indikatoren – von Beschäftigung, Arbeitslosigkeit bis Weiterbildung – in einem vierstufigen Prozess normiert, auf eine gemeinsame Skala von 1 (schlechtester Wert) bis 10 (bester Wert) skaliert und zu einer Bereichsindexzahl aggregiert. Anhand der Ergebnisse werden die Länder in vier annähernd gleich große Gruppen eingeteilt: Spitzenfeld, oberes Mittelfeld, unteres Mittelfeld und Schlussfeld. Die Zuordnungen erweisen sich in Sensitivitätsanalysen als robust.
Ergebnisse im europäischen Vergleich
Kein einziges EU-Mitgliedsland erreicht in allen fünf Bereichsindizes durchgehend eine Position im Spitzenfeld oder im Schlussfeld. Am gleichmäßigsten stark platzieren sich Dänemark, Luxemburg, die Niederlande und Slowenien – sie liegen in jedem Bereichsindex mindestens im oberen Mittelfeld.
Umgekehrt sind Griechenland, Spanien, Lettland und Rumänien in keinem einzigen Bereich über das untere Mittelfeld hinausgekommen. Das räumliche Muster ist deutlich: Nord- und Westeuropa dominieren die Spitzenränge, während sich im Schlussfeld überwiegend südeuropäische sowie mittel- und osteuropäische Staaten wiederfinden.
Irland und Malta führen den BI 1 mit klarem Abstand an, wobei Irlands Wert durch BIP-Sondereffekte verzerrt ist. Im BI 2 liegen die Niederlande vor Dänemark und Deutschland auf Platz 1, im BI 3 heben sich Schweden und Rumänien am jeweils oberen und unteren Ende deutlich von den restlichen Ländern ab. Im BI 4 liegt Belgien, im BI 5 liegt Finnland jeweils auf Platz 1.
Österreichs Stärken und Schwächen nach Bereichsindizes
Österreich liegt 2025 in zwei Bereichen im Spitzenfeld (BI 2 und BI 5), im oberen Mittelfeld bei BI 4 sowie im unteren Mittelfeld bei BI 1 und BI 3. Die Gruppenzuordnung ist gegenüber dem Vorjahr in keinem Bereich gewechselt.
Allgemeine Leistungskraft (BI 1): Rückfall trotz stabiler Indikatoren. Auf den ersten Blick zeigt sich für Österreich ein stabiles Bild – wirtschaftlich zählt es weiterhin zu den stärksten EU-Staaten: Das reale BIP pro Kopf liegt mit 41.420 Euro auf Rang 6, die Arbeitsproduktivität ebenfalls auf Rang 6 (Index 112 gegenüber EU-27 = 100). Im Zeitverlauf zwischen 2008 und 2024 verzeichnet Österreich zudem die geringste Schwankungsbreite der erzielten Indexpunkte aller EU-Länder – die nationale Performance ist also robust. Und doch fiel Österreich im Ranking immer weiter zurück: Zwischen 2008 und 2016 lag Österreich fast durchgehend auf einem der Ränge von 3 bis 6, 2024 nur noch auf Rang 14. Der Grund liegt weniger in einer Verschlechterung Österreichs als in der Wachstumsdynamik anderer Länder. Bremsend wirken besonders zwei Faktoren: Erstens ist das reale BIP pro Kopf in Österreich in den letzten zehn Jahren nur um 4,8 Prozent gewachsen – EU-weit der zweitschlechteste Wert (EU-27: +15,3 Prozent). Zweitens entwickelt sich die arbeitszeitbereinigte Beschäftigungsquote aufgrund des hohen Teilzeitanteils schwach (Rang 22).
Erwerbsteilnahme (BI 2): Arbeitsmarktintegration gelingt vergleichsweise gut. Die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen liegt mit 10,3 Prozent unter dem EU-Durchschnitt (14,9 Prozent), die Langzeitarbeitslosenquote mit 21,5 Prozent (EU-27: 32,5 Prozent) ebenfalls. Das Beschäftigungsgefälle zwischen Männern und Frauen im Haupterwerbsalter (25 bis 44 Jahre) beträgt nur 4,8 Prozentpunkte – weniger als halb so viel wie im EU-Schnitt (10,1 Prozentpunkte). Deutlich schwächer schneidet Österreich hingegen bei der Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen ab (Rang 20, Schlussfeld), insbesondere bei Frauen (51,6 Prozent gegenüber 66,2 Prozent bei Männern). Mit der schrittweisen Angleichung des Pensionsantrittsalters von Frauen an jenes der Männer ist hier allerdings eine Anpassung im Gang, die aktuell und in den nächsten Jahren zu einer steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen über 60 Jahren beiträgt.
Ausgrenzungsrisiken (BI 3): Kinderbetreuung als Arbeitsmarktrisiko für Frauen. Österreich gelingt es im EU-Vergleich nicht besonders gut, Ausgrenzungsrisiken am Arbeitsmarkt entgegenzuwirken.Einen klaren Schwachpunkt stellen die Arbeitsmarktkonsequenzen der Übernahme von Betreuungspflichten dar: 10,4 Prozent aller Beschäftigten arbeiten in Österreich aufgrund von Betreuungspflichten Teilzeit, bei Frauen sind es 20,8 Prozent – fast dreimal so viel wie im EU-Durchschnitt (3,8 respektive 7,5 Prozent) und der zweithöchste Wert der Union. Dies treibt auch die hohe Teilzeitquote von Frauen, die in der EU nur von den Niederlanden übertroffen wird. Nur 30,2 Prozent der Kinder unter drei Jahren besuchen eine formale Betreuungseinrichtung (EU-27: 39,2 Prozent); bei einer Nutzungsdauer von mindestens 30 Wochenstunden sinkt die Quote auf 10,9 Prozent (EU-27: 24,8 Prozent).
Verteilung der Erwerbseinkommen (BI 4): Hohe Löhne, hoher Gender Pay Gap. Österreich punktet mit hohen Einkommen: Bei der nominalen Entlohnung und den Arbeitnehmer:innenentgelten (Bruttolöhne/-gehälter inklusive Sozialbeiträge der Arbeitgeber:innen) liegt Österreich im Spitzenfeld.
Negativ für Österreich schlägt mit dem hohen unbereinigten Gender Pay Gap ein weiterer Indikator zu Buche, der auf Defizite im Bereich Gleichstellung verweist: Die Differenz zwischen dem durchschnittlichen Brutto-Stundenverdienst von Frauen und Männern beträgt in Österreich 17,6 Prozent (gemessen am durchschnittlichen Brutto-Stundenverdienst von Männern) – das ist der dritthöchste unbereinigte Gender Pay Gapin den EU-Ländern (EU-27: 11,1 Prozent).
Umverteilung durch den Sozialstaat (BI 5): Wirksames Sicherungsnetz. Die Sozialschutzleistungen liegen mit 31,8 Prozent des BIP vergleichsweise hoch (EU-27: 27,3 Prozent) und die sozialen Transfers reduzieren die Armutsgefährdungsquote überdurchschnittlich stark: um 9,8 Prozentpunkte (EU-27: 8,4). Die Armutsgefährdungsquote nach Sozialleistungen liegt mit 14,3 Prozent unter dem EU-Schnitt (16,2 Prozent).
Fazit
Der Arbeitsmarktmonitor 2025 zeigt: Österreichs Position im europäischen Vergleich ist grundsätzlich solide. Bei der allgemeinen Leistungskraft ist jedoch die günstige Position Österreichs über die Jahre verloren gegangen: nicht, weil Österreich schwächer geworden wäre, sondern weil es sich weniger verbessert hat als andere Länder.
In Hinblick auf Gleichstellungsfragen zeigt der Arbeitsmarktmonitor 2025 für Österreich ein zwiespältiges Bild: Die Erwerbsteilnahme ist in Österreich im EU-weiten Vergleich insgesamt und bei beiden Geschlechtern hoch. Berücksichtigt man jedoch Arbeitszeitausmaß, Betreuungspflichten und Einkommen, zeigen sich deutliche geschlechtsspezifische Nachteile für Frauen. Die Kombination aus fehlender Kinderbetreuungsinfrastruktur, hoher Teilzeitquote von Frauen und dem daraus mitresultierenden Gender Pay Gap stellt neben der geringen Erwerbsintegration älterer Arbeitskräfte eine zentrale strukturelle Schwäche dar.