„Integration durch Leistung“ ist zum Credo der österreichischen Integrationspolitik geworden. Integration sei dann geglückt, wenn zugewanderte Menschen arbeiten und „ihren Beitrag leisten“. Damit stellt sich aber zwangsläufig die Frage: Wenn Integration vor allem durch Arbeit erfolgen soll – wie integrativ sind die Arbeitsverhältnisse von ausländischen Beschäftigten überhaupt?
Neue Studie zur Arbeitssituation von ausländischen Beschäftigten
FORESIGHT hat im Auftrag der Arbeiterkammer Wien die Arbeitssituation und Arbeitszufriedenheit ausländischer Beschäftigter auf Basis von Daten der Arbeitskräfteerhebung, der Sozialversicherungsträger und des Arbeitsklima Index analysiert. Zusätzlich wurden Einzelinterviews mit ausländischen Beschäftigten in prekären Arbeitsverhältnissen geführt, um die individuellen Folgen einer instabilen Beschäftigung auf die Integrationsbemühungen zugewanderter Menschen zu beleuchten.
Österreich als Einwanderungsland
Ob Österreich ein Einwanderungsland ist, wird politisch nach wie vor debattiert. Dabei zeigen alle Statistiken: Gesellschaft, Arbeitsmarkt und Wirtschaft wachsen seit Jahrzehnten durch Zuwanderung. Anfang der 1960er Jahre lebten rund 100.000 Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft in Österreich, heute sind es fast 1,8 Mio. Und während die Zahl der inländischen Beschäftigten am Arbeitsmarkt in den letzten 15 Jahren stagnierte, waren 2024 erstmals mehr als eine Million Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft unselbständig beschäftigt. Fast das gesamte Beschäftigungswachstum der letzten Jahrzehnte geht damit auf Zuwanderung zurück.
Allerdings gestaltet sich der Arbeitsmarkt für diese oft sehr unterschiedlich. Ausländische Beschäftigte arbeiten vermehrt in instabilen und schlechter bezahlten Jobs (z. B. Leiharbeit, Befristung). Sie sind besonders häufig in der Gastronomie, Land- und Forstwirtschaft oder am Bau tätig. Die Pandemie hat zudem gezeigt: Viele systemrelevante Branchen wie z. B. Pflege oder Zustelldienste funktionieren nur durch den Einsatz ausländischer Kolleg:innen. In stabileren und besser entlohnten Branchen sind sie hingegen unterrepräsentiert, etwa in der öffentlichen Verwaltung, der Energieversorgung oder im Finanzsektor.
„Integration durch Leistung“ - Wie kann Arbeit integrativ wirken?
Spätestens seit der Einrichtung eines eigenen Staatssekretariats für Integration im Jahr 2011 prägt das Credo „Integration durch Leistung“ die österreichische Integrationspolitik. Worin diese „Leistung“ genau bestehen soll, bleibt meist vage. Die Botschaft aber ist: Wer (genug) arbeitet, zeigt sich integriert. Wenn aber Integration heute vor allem über Erwerbsarbeit funktionieren soll – wie integrativ sind die Jobs, in denen Zugewanderte arbeiten?
Um dies zu untersuchen, ziehen wir in der Studie Marie Jahodas Konzept der manifesten und latenten Funktionen von Erwerbsarbeit heran. Jahoda beleuchtete in ihren Forschungen, wie Arbeit neben existenziellen auch psychologische und soziale Bedürfnisse erfüllt. Beschäftigungsverhältnisse wirken demnach dann integrativ, wenn sie
- finanzielle Absicherung gewähren,
- eine planbare und regelmäßige Arbeitszeitstruktur mit gewünschtem Stundenausmaß bieten,
- Sozialkontakte in der Arbeit fördern,
- ein Gefühl von Sinnstiftung durch gemeinschaftliche Zielverfolgung vermitteln,
- den gesellschaftlichen Status fördern sowie
- die Entwicklung der eigenen Kompetenzen unterstützen.
Wird dieses Modell auf den Integrationskontext übertragen, bedeutet das, dass Arbeit für zugewanderte Menschen ein zentraler Motor für gesellschaftliche Teilhabe sein kann. Unsere Auswertungen aber zeigen: Beschäftigte mit ausländischer Staatsbürgerschaft weisen in allen sechs integrativen Dimensionen niedrigere Zufriedenheiten auf, sind stärker belastet und werden häufiger exkludiert.
Geringere finanzielle Absicherung wirkt sich negativ auf soziale Teilhabe aus
Im Schnitt verdienen ausländische Beschäftigte in der Stunde um vier Euro, und monatlich um 700 Euro weniger als inländische. In punkto finanzieller Absicherung zählen ausländische Beschäftigte damit fast doppelt (12 Prozent) so häufig wie inländische (7 Prozent) zur Gruppe der „Working Poor“, d. h. ihr Einkommen reicht nicht bis zum Ende des Monats. Wer kaum genug zum Leben hat, bleibt von zentralen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen – vom Wohnungsmarkt, von Bildungschancen für die eigenen Kinder, von Kultur und von sozialen Kontakten. Eine Kellnerin aus Afghanistan erzählte uns:
„Miete – wir teilen das mit meinem Bruder sehr gut, aber Lebensmittel sind mittlerweile so teuer und man kann sich nicht mehr so viel leisten. Zum Beispiel ich kann mir nicht leisten, mal essen zu gehen, raus mit Freunden, weil ich weiß, okay, wenn ich jetzt da rausgehe, dann sind 30, 40 Euro weg.“
Arbeiten wenn andere Freizeit haben
Auch Arbeitszeiten können der sozialen Teilhabe entgegenstehen. Ausländische Beschäftigte arbeiten häufiger zu unregelmäßigen Arbeitszeiten und öfter in Jobs (z. B. Gastronomie, Pflege, Zustelldienste), bei denen sie auf Abruf, am Wochenende oder nachts arbeiten müssen. Das schränkt die private Lebensführung ein. Während 70 Prozent der inländischen Beschäftigten mit ihrer Arbeitszeitregelung zufrieden sind, sind es bei ausländischen nur 56 Prozent. Eine Rezeptionistin schildert dies so:
„Am Samstag, Sonntag und Feiertag muss man ja auch irgendwann arbeiten, das gefällt mir gar nicht, weil alle meine Freunde und Familie zu Hause sind und ich muss halt dann wieder arbeiten.“
Integration heißt auch: Betriebliche Integration
Erwerbsarbeit soll laut Jahoda auch neue soziale Kontakte ermöglichen. Für Zugewanderte wäre das besonders wertvoll, weil ihnen oft genau diese Netzwerke fehlen. Aber nicht nur außerhalb der Arbeit, sondern auch in den Betrieben sind ausländische Beschäftigte weniger inkludiert als österreichische Kolleg:innen. Nur 69 Prozent sind mit dem kollegialen Miteinander zufrieden und 42 Prozent berichten von Diskriminierungserfahrungen. Ein junger rumänischer Arbeiter beschreibt zum Beispiel seinen Vorgesetzten:
„Der ist total cholerisch, der schreit so ohne Grund und schreit dich an, und dann macht er auch immer so unnötige Witze, der redet auch hinter dem Rücken die ganze Zeit und lästert. Ja, er ist auch Rassist, also extrem, ich und der eine Kollege, der ist halt Türke, und dann haben wir noch einen, der ist Albaner, und der behandelt uns auch richtig anders wie die anderen.“
In keinem der uns geschilderten Fälle gab es betriebliche Strukturen, die eine Beschwerde oder Intervention ermöglicht hätten. Gleichzeitig zeigen unsere Interviews auch, wie stark positive Erfahrungen im Betrieb Integrationsbemühungen antreiben können. Ein bosnischer Techniker erinnert sich:
„Die Leute haben mich sehr herzlich aufgenommen, sowieso der Chef, der Meister, hat mich sehr herzlich aufgenommen und hat mich immer gepusht, ob auch privat alles passt, und darum wurde ich herzlich aufgenommen und war dann auch motiviert, schnell die Sprache zu lernen.“
Geringe Anerkennung der Leistung
Arbeit sollte auch gesellschaftliche Anerkennung und sozialen Status verleihen. Beschäftigte mit ausländischer Staatsbürgerschaft arbeiten aber häufiger in Branchen und Berufen, die gesellschaftlich als selbstverständlich gelten, aber kaum Wertschätzung erfahren und die zu einer niedrigeren Zufriedenheit mit z. B. den eigenen Rechten führen. Eine Putzfrau aus Serbien sagt zum Beispiel:
„... weil alles reinigen, dann kannst du oft, wie sagt man, durchsichtig sein. Oft putze ich auch, wenn die Leute nicht dabei sind, grüß Gott, hallo und das war es.“
Dieses Gefühl der „Durchsichtigkeit“ bestätigt auch eine Kellnerin:
„Aber die meisten Menschen ignorieren dich, es ist so, als wärst du gar nicht da, als wärst du eine Fliege, aber das finde ich sehr schlimm. Es wird nicht wertgeschätzt und egal, was man macht, sind die nicht zufrieden.“
Auch hinsichtlich Kompetenznutzung und Einsatz der eigenen Fähigkeiten sind ausländische Beschäftigte seltener integriert: Ein Fünftel fühlt sich für ihre aktuellen Tätigkeiten überqualifiziert, umgekehrt sind nur 4 von 10 mit ihren Weiterbildungsmöglichkeiten zufrieden. Zugewanderte machen außerdem seltener die Erfahrung einer gemeinschaftlichen Zielverfolgung in der Arbeit: Während etwas mehr als drei Viertel der inländischen Beschäftigten mit dem Inhalt ihres Jobs zufrieden sind, sind es unter ausländischen Beschäftigten nur zwei Drittel.
Wie integrativ sind die Beschäftigungsverhältnisse ausländischer Beschäftigter?
Um die Integrationskraft von Arbeitsverhältnissen messbar zu machen, haben wir einen Index entwickelt. Für jede der sechs Jahoda-Dimensionen wurden drei konkrete Indikatoren aus dem Arbeitsklima Index und der Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria herangezogen – insgesamt 18 potenzielle integrative Wirkungen. Das Ergebnis: Inländische Beschäftigte erreichen 11,5, ausländische Beschäftigte nur 9,5. Noch deutlicher wird der Unterschied nach Herkunftsland: Beschäftigte aus der Türkei erreichen im Schnitt nur 8,3, jene aus Osteuropa 8,4 Punkte.
Diskriminierungserfahrungen, Statusverlust und Überqualifikation unterhöhlen die Integrationskraft der Arbeit. Schlussendlich hängt die Integrationskraft der Arbeitsverhältnisse am stärksten mit den jeweiligen Berufen und Branchen selbst zusammen. Am höchsten liegt die integrative Wirkung in jenen Berufen mit den geringsten Anteilen an ausländischen Beschäftigten, am niedrigsten in jenen Berufen mit den höchsten Anteilen an ausländischen Beschäftigten. Unter diesen Bedingungen wirkt der österreichische Arbeitsmarkt für ausländische Beschäftigte nur bedingt integrativ, trotz ihrer Leistungen. Am Ende führen die Exklusionserfahrungen, die ausländische Beschäftigte in ihrer Arbeit machen, auch zum Gefühl, nie vollständig integriert zu sein: „Da fühlst du, dass du nicht dazugehörst.“