Gesundheit von Frauen endlich sehen – Ver­sorgung sichern!

28. Mai 2026

Frauen in Oberösterreich sind zunehmend unzufrieden mit der medizinischen Versorgung – und das nicht ohne Grund: Sie werden im Gesundheitssystem oft übersehen und benachteiligt. Vom Alltag bis zum Arbeitsplatz: Es ist Zeit, dass die Gesundheit von Frauen endlich gleichwertig gesehen und Gendermedizin überall Standard wird.

Ein System, das Frauen übersieht

Die Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung sinkt: ganz besonders bei Frauen. Laut einer IFES-Befragung aus dem Jahr 2025 sind nur noch rund ein Drittel (34 Prozent) der Arbeitnehmerinnen in Oberösterreich mit dem Gesundheitssystem zufrieden. Das sind um 14 Prozentpunkte weniger als noch 2023. Auch bei den Männern sinkt die Zufriedenheit, denn 2025 waren nur mehr 38 Prozent der Arbeitnehmer zufrieden, zwei Jahre davor waren es noch 50 Prozent.

Dass die Zufriedenheit bei den Frauen zurückgeht, spiegelt eine tiefgreifende Benachteiligung wider: Frauen warten oft lange auf Termine, leiden stark unter psychischer Mehrfachbelastung und erhalten häufiger verzögerte oder fehlerhafte Diagnosen. Dazu fehlt es noch immer an speziellen frauenspezifischen Angeboten. Das Problem liegt nicht in der individuellen Gesundheit der Frauen, sondern in strukturellen Defiziten des Systems.

Versorgungslücken in der Gynäkologie

Ein zentrales Versorgungsproblem betrifft den Zugang zu gynäkologischen Kassenordinationen. In Oberösterreich sind 65 Vertragsgynäkolog:innen im niedergelassenen Bereich tätig. Davon sind 36 Frauen und 29 Männer. Während das Fachgebiet lange Zeit männlich dominiert war, zeigt sich hier ein positiver Wandel: Seit der Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs (VfGH, 2014), weibliche Bewerber:innen bei der Vergabe von Kassenverträgen zu bevorzugen, steigt der Frauenanteil kontinuierlich.

Doch trotz dieses Fortschritts spitzt sich die Lage in der Versorgung weiter zu. Anfang 2018 gab es keine unbesetzten Kassenstellen für Gynäkologie in Oberösterreich. Zum 1. Jänner 2026 waren bereits 12 Stellen unbesetzt. Das ist ein dramatischer Anstieg, der eine Unterversorgung und lange Wartezeiten zur Folge hat. Gleichzeitig steigt der Anteil der Wahlordinationen an. Der Weg zur nächsten Gynäkologie-Kassenpraxis ist für viele Frauen dadurch oft weit und schwer bewältigbar.

© A&W Blog


Preis der Gesundheit

Die langen Wartezeiten im öffentlichen Gesundheitssystem führen dazu, dass immer mehr Frauen auf teure Wahl- oder Privatärzt:innen ausweichen (müssen). Laut IFES-Befragung (2025) geben mehr als die Hälfte der Frauen an, dadurch schneller einen Termin bekommen zu haben (56 Prozent). Knapp die Hälfte (46 Prozent) entschied sich für Wahl- und Privatärzt:innen wegen der erwarteten Behandlungsqualität. Viele Frauen hatten jedoch keine andere Wahl: Knapp ein Drittel (32 Prozent) der Frauen gab an, keinen Termin in einer Kassenordination erhalten zu haben und ein Viertel (25 Prozent) hat gar keine Kassenordination gefunden.

Diese Entwicklung ist zutiefst alarmierend, denn steigende Gesundheitskosten und strukturelle Zugangsbarrieren führen zu erheblichen finanziellen und gesundheitlichen Belastungen, die ungleich verteilt sind. Gerade Frauen sind davon überproportional betroffen. Aufgrund struktureller Ungleichheiten wie niedrigerer Einkommen, Erwerbsunterbrechungen durch Sorgearbeit und eines hohen Anteils unbezahlter Care-Arbeit sind Frauen besonders vulnerabel gegenüber zusätzlichen privaten Gesundheitsausgaben. Besonders für alleinerziehende, teilzeitbeschäftigte oder einkommensschwache Frauen sind solche zusätzlichen Kosten oft nicht stemmbar.

Wenn medizinische Versorgung faktisch unerreichbar wird, weil sie zu teuer, Wartezeiten zu lange oder keine Termine verfügbar sind, hat das gravierende Folgen für die Gesundheit: Vorsorgeuntersuchungen werden aufgeschoben, wichtige Untersuchungen finden spät oder gar nicht statt, Beschwerden werden ignoriert oder ertragen, oft bis es zu spät ist.

Es darf nicht sein, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung zur Frage des Geldbörserls wird und Versicherte keine sichere Versorgung mehr bekommen. Gesundheit darf kein Luxus sein, sondern muss für alle, unabhängig von Einkommen, Erwerbsbiografie oder sozialer Situation, sicher, gerecht und leistbar bleiben.

Mental Load: die unsichtbare Denk- und Sorgearbeit

Neben fehlender medizinischer Versorgung belastet Frauen ein weiteres, oft unsichtbares Phänomen: der sogenannte „Mental Load“, die Belastung durch kognitive und emotionale Arbeit im Alltag und Beruf. Er endet nicht an der Haustüre, nicht am Arbeitsplatz, nicht in der Freizeit und nicht im Schlaf. Er begleitet Betroffene oft permanent, schwappt in alle Lebensbereiche über und bleibt auch im Job präsent.

Diese Dauerbelastung ist strukturell bedingt und hat tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der betroffenen Frauen. Laut dem Arbeitsklima Index 2025 der Arbeiterkammer Oberösterreich fühlen sich mehr als die Hälfte (rund 56 Prozent) der befragten Arbeitnehmerinnen in Oberösterreich mittel bis sehr stark belastet bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bzw. können nach der Arbeit schwer abschalten. Ein Drittel (33,2 Prozent) der Frauen gibt an, sehr häufig erschöpft oder matt zu sein.

Diese Belastung hat konkrete Folgen

Laut WIFO-Fehlzeitenreport 2025 liegt die Zahl der Krankenstandstage bei Frauen um 9,6 Prozent höher als bei Männern. Diese Entwicklung hat sich seit 2008 umgekehrt und verstärkt. Psychische Erkrankungen sind bei Frauen mit 22,3 Prozent die häufigste Ursache für Krankenstände ab 40 Tagen, bei Männern nur 13,2 Prozent. Der Arbeitsklima Index zeigt, dass Burnout mittlerweile mehr Frauen als Männer betrifft: 13 Prozent der Frauen waren bereits davon betroffen, 46,4 Prozent gelten als mittel bis hoch gefährdet.

Mental Load und psychische Belastung sind ein strukturelles Gesundheitsrisiko, das tief in die Arbeitswelt, Familie und Freizeit hineinreicht.

In der Medizin bleiben Frauen unsichtbar

Über viele Jahrzehnte hinweg orientierte sich die medizinische Forschung überwiegend am männlichen Körper als Standardmodell – mit Folgen, die bis heute spürbar sind. Ein wesentlicher Grund dafür ist die geringe Beteiligung von Frauen an klinischen Studien: Ihr Anteil liegt trotz EU-Verordnung zu klinischen Prüfungen von Humanarzneimitteln (536/2014) häufig weit unter 50 Prozent. Diese Verordnung schreibt vor, dass die Proband:innenkohorten in klinischen Prüfungen repräsentativ für die Population der betroffenen Krankheit sein müssen – also, dass Geschlechter- und Altersgruppen entsprechend der Zielgruppe des Arzneimittels vertreten sein müssen. Zudem werden oftmals insbesondere postmenopausale Frauen oder Frauen ohne potenzielles Schwangerschaftsrisiko in Studien aufgenommen, da hormonelle Veränderungen lange Zeit als mögliche „Störfaktoren“ betrachtet wurden. Dadurch entstanden Forschungslücken, die sich negativ auf Diagnostik, Therapie und Gesundheitsversorgung auswirken können.

So wirken Medikamente bei Frauen anders als bei Männern. Die Folgen sind falsche Dosierungen und Nebenwirkungen. Bei Herzinfarkten leiden Frauen oft „atypisch“ unter Atemnot, Übelkeit oder Bauchschmerzen, weshalb die Symptome häufig übersehen werden. Auch die schmerzhafte Erkrankung Endometriose wird im Schnitt erst nach sieben bis zehn Jahren diagnostiziert. Wechseljahres- und Menstruationsbeschwerden werden oft verharmlost, dabei beeinträchtigen sie Alltag und Beruf massiv. Frauen leiden außerdem ab der Pubertät häufiger und stärker an Allergien als Männer. Auch Diabetes wird bei ihnen oft später erkannt.

Gendermedizin in der Arbeitswelt

Gendermedizin ist nicht nur klinisch relevant, sondern auch für die Arbeitsmedizin zentral. Frauen sind im Gesundheits- und Sozialwesen, im Gastgewerbe oder in der Pflege überrepräsentiert. In diesen Bereichen sind sie teilweise schweren gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt: Infektionen, schweres Heben, psychische Belastung und hoher Zeitdruck. Außerdem deuten Studien darauf hin, dass nachtaktive Schichtarbeiterinnen ein höheres Brustkrebsrisiko haben als Kolleginnen im Tagdienst. Zudem ist Schutzausrüstung meist für den Durchschnittsmann gemacht und passt Frauen oft weder anatomisch noch funktional. Betriebe müssen beide Geschlechter mitdenken und sicher ausrüsten. Genau deshalb darf Gendermedizin keine Nischendisziplin sein. Sie ist Voraussetzung für eine gerechte Gesundheitsversorgung, auch am Arbeitsplatz.

Frauen müssen endlich gesehen werden

Frauen sind nicht krank, weil sie empfindlich sind. Sie sind krank, weil sie im Beruf, im Alltag, im Gesundheitswesen systematisch benachteiligt werden. Es ist höchste Zeit, Frauengesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen, geschlechtsspezifische Unterschiede zu erkennen und spezifische Bedürfnisse zu sehen.

Dazu braucht es klare Maßnahmen:

  • Sicherstellung eines flächendeckenden Zugangs zu leistbaren frauenspezifischen Gesundheitsangeboten und -informationen. Insbesondere müssen die offenen gynäkologischen Kassenstellen nachbesetzt und neue geschaffen werden.
  • Rasche Nachbesetzung der offenen Kassenstellen und Ausbau von Primärversorgungszentren sowie eine drastische Reduzierung der Wartezeiten in allen Bereichen des öffentlichen Gesundheitssystems.
  • Gendermedizin muss verpflichtend in allen medizinischen und pflegerischen Ausbildungen verankert werden und es braucht mehr Forschung zu frauenspezifischen Erkrankungen.
  • Für eine nachhaltige Entlastung sind außerdem bessere Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Care-Arbeit sowie eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit unbedingt notwendig.
Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0: Dieser Beitrag ist unter einer Creative-Commons-Lizenz vom Typ Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International zugänglich. Um eine Kopie dieser Lizenz einzusehen, konsultieren Sie http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/. Weitere Informationen https://awblog.at/ueberdiesenblog/open-access-zielsetzung-und-verwendung