Schlechtere Job­chancen im Alter: Frauen trifft es mehrfach

29. September 2026

Von der steigenden Arbeitslosigkeit und schlechten Beschäftigungschancen älterer Menschen sind Frauen besonders betroffen. Sie arbeiten häufiger in Branchen, in denen die Arbeitslosigkeit derzeit überdurchschnittlich zunimmt. Zudem sind ihre Wiedereinstiegschancen im höheren Erwerbsalter eingeschränkt, weil viele Betriebe kaum Ältere beschäftigen. Die Anhebung des gesetzlichen Frauenpensionsalters bedeutet, dass Frauen länger am Arbeitsmarkt bleiben müssen, ohne dass damit automatisch auch eine längere Beschäftigung verbunden ist.

Höheres Pensionsantrittsalter heißt nicht automatisch, länger beschäftigt zu sein

Nehmen wir zunächst ein Beispiel: Sabine ist 60 Jahre alt. Nachdem sie 42 Jahre im Handel gearbeitet hat, hat sie vor einem Jahr aufgrund einer Unternehmensschließung ihren Arbeitsplatz verloren. Jetzt schreibt sie eine Bewerbung nach der anderen, bekommt aber nur Absagen oder gar keine Antwort.

Dass Sabine im Handel gearbeitet hat, ist kein zufälliges Beispiel. Der Arbeitsmarkt in Österreich ist stark nach Geschlecht segregiert (AMIS-Datenbank). In Oberösterreich steigt die Frauenarbeitslosigkeit seit Jahresbeginn gegenüber dem jeweiligen Vorjahresmonat insbesondere im Handel und im Gesundheits- und Sozialwesen, überwiegend auch im Tourismus. Gleichzeitig geht das Stellenangebot in mehreren Branchen deutlich zurück, in denen viele Frauen beschäftigt sind. Im Einzelhandel lag der durchschnittliche Bestand der offenen Stellen von Jänner bis August 2026 rund 13 Prozent unter dem Vorjahresniveau, im Gesundheits- und Sozialbereich (inkl. Heimen) sogar rund 21 Prozent. Auch in Beherbergung und Gastronomie gingen die Stellen um rund 14 Prozent zurück. Teile der Industrie und das Bauwesen, wo der Männeranteil besonders hoch ist, entwickelten sich beim Stellenangebot dagegen günstiger.

Für Sabine kommt ihr Alter erschwerend hinzu. Wer im höheren Erwerbsalter den Arbeitsplatz verliert, hat schlechtere Chancen auf einen Wiedereinstieg. Sabine wurde in der zweiten Jahreshälfte 1966 geboren. Damit liegt ihr reguläres Pensionsantrittsalter bei 63 Jahren. Findet sie nun keinen neuen Arbeitsplatz mehr, können damit bis zu vier Jahre zwischen dem Verlust ihrer Beschäftigung und dem Pensionsantritt liegen.

Sabine haben wir erfunden, das Problem nicht. Im ersten Quartal 2026 waren 32,2 Prozent der 60- bis 64-jährigen Frauen erwerbstätig. Noch vor Beginn der Anhebung des Frauenpensionsalters im ersten Quartal 2023 waren es 18,7 Prozent. Statistik Austria nennt die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters als Hauptgrund für diesen Anstieg. Das ist grundsätzlich erfreulich, viele Frauen arbeiten damit tatsächlich länger. Entscheidend ist aber, ob die zusätzlichen Jahre bis zur Pension auch Beschäftigungsjahre sind. Für viele – unter anderem für Sabine – ist das nicht so.

Inzwischen mehr arbeitslose Frauen als Männer in Oberösterreich

Seit Jahresbeginn steigt die Arbeitslosigkeit von Frauen in Oberösterreich im Vergleich zum Vorjahr, während sie bei den Männern bis Juni sogar zurückging und im Juli und August nur moderat anstieg. Inzwischen ist die Zahl der arbeitslosen Frauen in Oberösterreich höher als jene der Männer, denn im August 2026 waren 19.810 Frauen (+7,3 %) und 19.514 Männer (+1,0 %) arbeitslos gemeldet. Gegenüber dem Vorjahr betrug der Anstieg im August 7,3 Prozent, bei den Männern 1,0 Prozent. Die Frauenarbeitslosenquote (5,9 %) war um einen Prozentpunkt höher als jene der Männer (4,9 %).

Chancen auf einen Wiedereinstieg sinken im Alter

Besonders hoch war der Anstieg der Arbeitslosigkeit bei den über 50-Jährigen: Ihre Arbeitslosigkeit stieg in Oberösterreich im Jahresvergleich um 7,3 Prozent und damit stärker als in den jüngeren Altersgruppen. Der Anstieg ist bei den Frauen größer als bei Männern: In Oberösterreich stieg die Arbeitslosigkeit der über 50-jährigen Frauen im August um 9,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, bei den Männern dieser Altersgruppe um 5,6 Prozent. Studien zeigen, dass ältere Arbeitnehmer:innen bei gleicher Qualifikation viel seltener eingestellt oder überhaupt zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden.

© A&W Blog


Starker Anstieg bei älteren Langzeitarbeitslosen

Auch die Langzeitarbeitslosigkeit explodiert bei Älteren. Im August 2026 waren 3.552 Menschen in Oberösterreich länger als ein Jahr arbeitslos, um 23,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch hier sind Frauen besonders betroffen. Im August 2026 waren um 28 Prozent mehr Frauen (50+) arbeitslos als noch im Vorjahr. Bei den 60- bis 64-jährigen Frauen waren es sogar um 43 Prozent mehr. Aber auch bei Männern (50+) ist der Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit mit 21,4 Prozent enorm hoch, bei den 60- bis 64-Jährigen betrug der Anstieg 23,8 Prozent.

Auch die betriebliche Personalpolitik spielt dabei eine sehr wesentliche Rolle. Rund 30 Prozent der Betriebe in Österreich mit mindestens 20 Beschäftigten beschäftigen niemanden über 60 Jahren. Von den Betrieben in Oberösterreich, die zumindest fünf Beschäftigte haben, beschäftigen mehr als vier von zehn keine Person über 60 Jahren. Genau darin liegt ein zentraler Widerspruch: Das gesetzliche Pensionsantrittsalter wurde angehoben. Ob ältere Frauen in diesen zusätzlichen Jahren tatsächlich einen Arbeitsplatz haben, entscheidet sich aber am Arbeitsmarkt und in den Betrieben.

Gleiches Pensionsantrittsalter, aber ungleiche Erwerbsbiografien

Warum längere Arbeitslosigkeit Frauen besonders hart treffen kann, zeigt ein Blick auf ihre Erwerbsbiografien. Teilzeit, Erwerbsunterbrechungen und die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit prägen diese wesentlich stärker als jene von Männern. Die Teilzeitquoten zeigen, wie groß diese Unterschiede weiterhin sind.

Teilzeitquote 2025 ÖsterreichFrauenMänner
alle Erwerbstätigen49,8 %14,0 %
25- bis 49-Jährige50,4 %11,2 %
25- bis 49-Jährige mit Kindern unter 15 Jahren75,3 %8,5 %

Quelle: Statistik Austria 2026

Im Jahr 2025 arbeiten rund die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in Österreich in Teilzeit und nur 14 Prozent der Männer. Besonders deutlich wird die Ungleichheit, sobald Kinder da sind: Drei von vier (75,3 %) erwerbstätigen Müttern mit Kindern unter 15 Jahren arbeiten Teilzeit, bei Vätern ist es nicht einmal jeder Zehnte (8,5 %). Auch die Gründe für Teilzeit unterscheiden sich stark nach Geschlecht. 2025 arbeiteten rund vier von zehn Frauen aufgrund von Betreuungstätigkeiten für Kinder bzw. pflegebedürftige Erwachsene in Teilzeit. Bei Frauen ist dies das Hauptmotiv, nicht in Vollzeit zu arbeiten. Bei den Vätern nannten diesen Grund nur 8,5 Prozent. Auch die Pflege von Angehörigen wird überwiegend von Frauen übernommen (knapp drei Viertel sind Frauen).

Frauen tragen also nach wie vor den größeren Teil der Verantwortung für Kinderbetreuung, Haushalt, Pflege von Angehörigen und die organisatorische Sorgearbeit des Alltags. Teilzeit und Erwerbsunterbrechungen sind deshalb eng mit der weiterhin ungleichen Verteilung von Care-Arbeit verbunden und wirken sich negativ auf Einkommen und Pensionen aus.

Große Einkommensunterschiede bis zur Pension

Auch bei den Stundenverdiensten gibt es große Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Der Gender Pay Gap, gemessen an den durchschnittlichen Bruttostundenverdiensten in der Privatwirtschaft, beträgt aktuell 17,6 Prozent. Diese Einkommensunterschiede setzen sich in der Pension fort. Niedrigere Erwerbseinkommen, Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrechungen schlagen sich dann unmittelbar in niedrigen Pensionsansprüchen nieder. Im Durchschnitt erhielten Frauen 2024 eine um 40,3 Prozent niedrigere Alterspension als Männer. In Oberösterreich beträgt der Gender Pension Gap sogar 44,8 Prozent.

Die Anhebung des Frauenpensionsalters trifft damit nicht auf gleiche Erwerbsbiografien. Finden Frauen in den letzten Jahren vor der Pension keinen Arbeitsplatz mehr, besteht die Gefahr, dass sich nicht ihre Beschäftigungsdauer verlängert, sondern vor allem die Zeit zwischen der letzten Beschäftigung und dem Pensionsantritt. Wer aufgrund von Sorgearbeit, Teilzeit und niedrigeren Einkommen über Jahre geringere Pensionsansprüche aufgebaut hat, kann sich längere Arbeitslosigkeit kurz vor der Pension besonders wenig leisten.

Arbeitslosigkeit kurz vor der Pension hat nicht nur finanzielle Folgen

Mit dem Arbeitsplatz können auch Tagesstruktur, soziale Kontakte, Anerkennung und ein wichtiger Teil gesellschaftlicher Teilhabe verloren gehen. Die Sozialpsychologin Marie Jahoda hat diese Funktionen von Arbeit bereits früh beschrieben. Eine aktuelle Metaanalyse bestätigt den Zusammenhang: Erwerbslose verfügen im Durchschnitt über weniger soziale Kontakte, Tagesstruktur, Status und Möglichkeiten, sich als gesellschaftlich nützlich zu erleben. Diese Faktoren hängen wiederum mit der psychischen Gesundheit zusammen. Gerade bei längerer Arbeitslosigkeit im höheren Alter können so finanzielle Unsicherheit, fehlende Perspektiven und das Gefühl zusammenkommen, am Arbeitsmarkt nicht mehr gebraucht zu werden.

Neue Regeln verschärfen die Folgen von Arbeitslosigkeit

Das zentrale Problem bleibt der Arbeitsmarkt: Ältere Frauen müssen länger erwerbstätig bleiben, finden nach einem Arbeitsplatzverlust aber oft schwer wieder Beschäftigung. Neue gesetzliche Regelungen verschärfen die Lage zusätzlich.

Ab 2027 zählt eine längere Zeit in der Notstandshilfe weniger für die spätere Pension. Im ersten Jahr werden weiterhin 64,4 Prozent der maßgeblichen Bemessungsgrundlage berücksichtigt. Ab dem zweiten Jahr sind es nur noch 48,3 Prozent. Das bedeutet: Wer länger als ein Jahr Notstandshilfe bezieht, bekommt für diese Zeit weniger auf dem Pensionskonto gutgeschrieben.

Ab 2028 entfällt außerdem die bisherige Ausnahme vom Dienstgeberbeitrag zum Familienlastenausgleichsfonds für Beschäftigte über 60. Damit fällt ein bisheriger Kostenvorteil bei ihrer Beschäftigung weg, gerade in einer Altersgruppe, in der künftig mehr Frauen beschäftigt bleiben sollen.

Aktive Arbeitsmarktpolitik für Ältere statt Arbeitslosigkeit verlängern

  • Altersdiskriminierung in der Arbeitswelt wirksam bekämpfen. Es braucht stärkere Maßnahmen gegen Altersdiskriminierung bei Einstellung, Beschäftigung und beruflichem Aufstieg, damit ältere Arbeitnehmer:innen reale Chancen haben, bis zur Pension in Beschäftigung zu bleiben.
  • Verbindliches Bonus-Malus-System zur Förderung der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer:innen einführen. Unternehmen müssen stärker danach in die Verantwortung genommen werden, ob sie ältere Arbeitnehmer:innen beschäftigen, weiterqualifizieren und bis zur Pension im Betrieb halten.
  • Aktive Arbeitsmarktpolitik für ältere Menschen deutlich ausbauen. Insbesondere ältere Frauen brauchen gezielte Qualifizierungs-, Weiterbildungs- und Beschäftigungsangebote sowie wirksame Unterstützung bei beruflicher Neuorientierung und Wiedereinstieg.
  • Berufliche Neuorientierung auch im höheren Erwerbsalter ermöglichen. Wer nach Jahrzehnten belastender Arbeit den bisherigen Beruf nicht mehr ausüben kann, braucht eine reale Möglichkeit zur Umschulung und zu einer anderen Beschäftigung bis zur Pension.
  • Langzeitarbeitslosigkeit vor der Pension darf nicht zu zusätzlichen Pensionsverlusten führen. Zeiten längerer Arbeitslosigkeit und des Notstandshilfebezugs müssen pensionsrechtlich so berücksichtigt werden, dass ältere Arbeitslose nicht zusätzlich finanziell benachteiligt werden.
  • Gleichstellung bei Einkommen konsequent vorantreiben. Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie muss bestmöglich und so rasch wie möglich umgesetzt werden, um geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede wirksam zu verringern.
  • Institutionelle Kinderbildung und -betreuung flächendeckend ausbauen. Insbesondere für unter Dreijährige braucht es ausreichend leistbare und qualitativ hochwertige Angebote. Für Familien mit einkommensabhängigem Kinderbetreuungsgeld ist ein lückenloser Übergang in die institutionelle Betreuung sicherzustellen.
  • Väterbeteiligung gezielt fördern. Finanzielle Anreize, flexible Karenzmodelle, betriebliche Akzeptanz und stärkere „Use it or lose it“-Modelle sollen eine partnerschaftlichere Aufteilung von Kinderbetreuung und unbezahlter Arbeit fördern.
  • Kindererziehungs- und Pflegekarenzzeiten am Pensionskonto besser absichern. Die Beitragsgrundlage für die Teilpflichtversicherung soll auf die Höhe des Medianeinkommens aller Vollzeitbeschäftigten angehoben werden, damit Betreuungs- und Pflegearbeit nicht zu langfristigen Pensionsnachteilen führt.

Ein höheres Frauenpensionsalter kann nur dann tatsächlich zu längerer Beschäftigung führen, wenn auch die Voraussetzungen am Arbeitsmarkt geschaffen werden. Eine Änderung im Pensionsrecht allein reicht nicht aus. Ältere Menschen müssen die Möglichkeit haben, Arbeit zu finden und bis zur Pension gesund beschäftigt zu bleiben. Damit führt die Debatte zurück zu Sabine. Das Gesetz kann verlangen, dass sie bis 63 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Ob daraus vier zusätzliche Beschäftigungsjahre oder Jahre der Arbeitssuche werden, entscheidet sich aber nicht im Pensionsrecht, sondern am Arbeitsmarkt.

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