In der Debatte zur Kapitalertragssteuer werden unterschiedliche Zahlen zum Aktienbesitz vom HFCS der OeNB und dem Aktienbarometer genannt. Dahinter verbergen sich unterschiedliche Methoden der Erhebungen. Methodische Fragen sind für ökonomische Debatten wichtiger als gemeinhin angenommen. Denn Statistik kann der wirtschaftspolitischen Aufklärung der Bevölkerung oder der Vernebelung von Interessen dienen. Entscheidend ist, dass die Begrenzungen der jeweiligen Datengrundlage ausgewiesen werden.
An den Zahlen liegt es nicht. Daten sagen von sich aus nichts, obzwar Menschen einander in Debatten gerne zurufen: „Lassen wir doch die Daten sprechen“. Nachfolgend wählen sie aber gerne genau jene aus, die für die eigene Argumentation passen und verstecken ihre Interessen und Werte hinter vorgeblich objektiven Zahlen. Warum zeigt sich ein größerer Anteil an Aktionären im Aktienbarometer als im Household Finance and Consumption Survey (HFCS) und was ist wirtschaftspolitisch zu beachten bei der Debatte um die Kapitalertragssteuer?
„Es gibt kein besser oder schlechter“
Die Auftraggeber des Aktienbarometers, Industriellenvereinigung, Aktienforum und Börse, könnten ihr Anliegen, dass in Österreich zu wenig in Aktien veranlagt wird, eigentlich sowohl auf Basis ihrer Zahlen zum Aktienbesitz von Personen (18 %) als auch auf Grundlage der HFCS-Haushaltsdaten (6,4 %) der Österreichischen Nationalbank (OeNB) vertreten. Die beiden Quoten beziehen sich auf unterschiedliche Grundgesamtheiten – Personen einerseits, Haushalte andererseits – und sind daher nicht unmittelbar vergleichbar; entscheidend ist, ob sie jeweils nachvollziehbar für ihre Grundgesamtheit geschätzt werden. Der Projektleiter des Aktienbarometers beansprucht, aber zusätzlich, dass seine Umfrage auf einer Ebene mit der HFCS-Erhebung der OeNB stehe: „Es gibt in dem Fall kein besser oder schlechter.“
Dies wäre wahrlich eine gute Nachricht für den Projektleiter, aber eine schlechte Botschaft für die Statistik als Wissenschaft, denn dann würden statistische Qualitätskriterien nicht mehr gelten. Cornesse et al hatten es vor einigen Jahren konzis formuliert: „Die Theorie probabilistischer Stichproben ist gut etabliert und beruht auf soliden mathematischen Prinzipien; für nichtprobabilistische Stichproben gilt dies nicht.“
Für Fragen zum Aktienbesitz in Österreich ist der regelmäßig durchgeführte HFCS in Österreich das bestgeeignete verfügbare Instrument. Der HFCS folgt den Standards des Eurosystems. Zugrunde gelegt wird eine probabilistische Stichprobe, die Interviews des HFCS finden persönlich statt, die Auswahlwahrscheinlichkeiten werden dokumentiert und alle Vermögenspositionen werden detailliert erfasst. Es erfolgt eine Gewichtung, multiple Imputationen werden durchgeführt, und Antwortverweigerungen werden sorgfältig behandelt. All dies wird transparent dokumentiert.
Die Zufallsstrichprobe, die keine ist
Dem Aktienbarometer liegt keine Zufallsstichprobe zugrunde. Mehr als die Hälfte der Befragten wird aus einem Onlinepanel gezogen. Für dieses Panel müssen sich Menschen selbstständig anmelden. Diese Selbstselektion lässt sich durch eine spätere Zufallsauswahl innerhalb dieses Panels nicht rückgängig machen. Das Selektionsproblem aus einem freiwillig rekrutierten Panel kann den Schätzwert verschieben.
In einem Beitrag im OeNB Bulletin erklären Pirmin Fessler und Beat Weber, warum kommerzielle Onlinepanels und Opt-in-Befragungen zu hohe Besitzquoten bei Kryptoanlagen liefern können. Personen, welche digitale Angebote intensiv nutzen, sind in solchen Stichproben häufig überrepräsentiert. Diese Merkmale hängen zugleich mit der Wahrscheinlichkeit zusammen, Kryptoassets zu besitzen. Auch bei Aktienbesitz können Finanzwissen, Einkommen, Vermögen und Interesse an Kapitalmärkten sowohl die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, sich in einem Onlinepanel anzumelden, als auch die Wahrscheinlichkeit, Aktien zu besitzen.
Pseudo-Präzision der „Schwankungsbreite“
Nun wird im Aktienbarometer aber eine präzise „maximale Schwankungsbreite“ von 2,2 Prozentpunkten angegeben. Dies entspricht der klassischen Fehlerspanne, die man bei 2.000 Befragten unter der Annahme einer einfachen Zufallsstichprobe erhält. Diese Voraussetzungen erfüllt jedoch der freiwillig rekrutierte Onlinepanel-Teil nicht. Und die klassische Fehlerspanne lässt sich nicht ohne Weiteres auf den Telefonteil übertragen, bei dem Nonresponse, Erreichbarkeit, Gewichtung und das konkrete Auswahlverfahren berücksichtigt werden müssten. Die ausgewiesene Fehlerspanne ist daher nicht bloß unvollständig; als Fehlermarge für das verwendete Gesamtdesign ist sie nicht begründet.
Warum Transparenz keine akademische Spielerei ist
Gerade wenn Zahlen politische Anliegen begründen sollen, ist eine transparente Dokumentation der Methodik wichtig und keine akademische Spielerei. Auftragsforschung macht eine Untersuchung nicht vorab schlechter, aber gerade dort muss gezeigt werden, was wie getan wurde. Beim HFCS etwa werden auch bekannte Grenzen der Erhebung offen ausgewiesen. So wird in nahezu allen HFCS-Publikationen auf die Untererfassung sehr vermögender Haushalte hingewiesen. Für wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen ist Bescheidenheit hinsichtlich der mit Daten einhergehenden Unsicherheiten wichtig. Es ist eine Stärke, statistische Schwächen auszuweisen und es ist eine Schwäche, Sicherheit beim empirischen Wissen zu suggerieren, wenn dieses nicht zu haben ist.
Die inhaltliche Problematik einer ideologielastigen Debatte zum Aktienbesitz ist weitreichender:
1. Um die Sparer geht es nicht
Der Vorschlag wird im Namen der Sparer:innen vorgetragen. Doch etwa 84 % der privaten Haushalte haben ein Sparbuch – und deren Zinserträge sollen weiterhin besteuert werden. Befreit werden soll der deutlich kleinere Teil, der Aktien hält.
2. Wie viele Menschen Aktien besitzen, sagt nichts darüber aus, wem der Löwenanteil gehört
Aus der Zahl der Aktionäre lässt sich nicht schließen, wen eine allfällige Steuerbefreiung stärker begünstigen würde. Onlinekleinanleger mit 100 Euro Veranlagung in Aktien haben mit Großaktionären weniger gemein als mit Nicht-Aktionären.
Den Löwenanteil am Aktienvermögen in Österreich halten die Reichsten: Die vermögendsten 10 % der privaten Haushalte halten im HFCS rund 70 % des gesamten Aktienvermögens. Wegen der Untererfassung sehr vermögender Haushalte in der Erhebung ist dieser Anteil eher als Untergrenze zu verstehen. Die untere Hälfte kommt auf einen Anteil von weniger als 4 %.
Die Vorteile einer Steuerbefreiung wären also auf das obere Ende der Vermögensverteilung konzentriert, weil dort auch der überwiegende Teil des Aktienvermögens liegt. Für Haushalte ohne nennenswertes Finanzvermögen wäre sie kaum spürbar, denn ihre wirtschaftliche Lage hängt weit stärker von Löhnen, Transferleistungen und Lebenshaltungskosten ab.
3. Erzählung von der Mitte ist wichtig
Damit ein Pro-Aktien-Spin funktioniert, wird die Mitte benötigt – jene Mitte, bei der die Aktien angeblich angekommen sein sollen. Erst über die Referenz zur Mitte kann suggeriert werden, dass die Hoffnung aller auf ein sorgenfreies Alterseinkommen an der Aktienveranlagung hängt. Hierfür müssen die bescheidenen Einkommen der Vielen aus Arbeit vergessen werden, und fehlende Finanzbildung muss zum zentralen Problem gemacht werden. Vermögensaufbau wird zur individuellen Pflicht: Ein finanzkundiger Teil der Bevölkerung schreitet in eine leuchtende Aktienzukunft voran und eine tumbe Politik folgt nur schwerfällig. Sparfähigkeit wird vom Sparwillen geleitet, lautet die Erzählung, aber realiter bleibt sie vom Einkommen abhängig.
4. Ansteckende Ängste
Aktienveranlagung und die Sorge um die Finanzierung der Pension werden junktimiert: „Mehr als die Hälfte der Befragten zweifelt daran, dass die staatliche Pension allein ausreichen wird.“ Ob sich Aktionäre, Nicht-Aktionäre oder beide Gruppen sorgen, erfahren wir aus der Umfrage nicht. Aber wenig ist wohl schlimmer als die Vorstellung eines Lebensabends in Armut – genau damit lässt sich auch jenen Menschen Angst machen, die auf das staatliche Umlageverfahren vertrauen.
5. Vermögensfragen, über die zu selten geredet wird
Auch die Vermögendsten in Österreich haben nur relativ wenig ihres Vermögens in Wertpapieren veranlagt. Dies verweist auf tabuisierte Vermögensthemen: die Bevorteilung von direkt gehaltenen Unternehmensanteilen an GmbHs über Subventionen, eine großzügige gesetzliche Einlagenversicherung, welche es Vermögenden erlaubt, Teile ihres Vermögens gratis zu versichern, egal wie risikoreich die Geschäftsmodelle der Banken sind. Eine niedrige Grundbesteuerung begünstigt Immobilieneigentum in Österreich. Bodenrenten werden nur begrenzt abgeschöpft. Imputierte Mieten bei selbstgenutztem Eigentum – eine Form von Kapitaleinkommen – werden nicht besteuert. Öffentliche Infrastruktur – finanziert von der Allgemeinheit – erhöht die privaten Grundstückswerte. Die Wertsteigerungen – nach Einkommensdefinition von Schanz-Haig-Simons – verbleiben weitgehend bei den Eigentümer:innen
Eine Geschichte, die sich wiederholt
Die Geschichte zur KESt wiederholt sich als Farce: Bruno Kreisky wollte 1983 eine Quellensteuer auf Zinserträge, damit die Vermögenseinkommen nicht der Einkommensbesteuerung entgehen. Die konservative Opposition machte in der Debatte daraus eine „Sparbuchsteuer“ und schürte damit Ängste, die Sparguthaben der Mitte seien in Gefahr. Mehr als vierzig Jahre später will die Industriellenvereinigung steuerbefreite Aktienveranlagungen zu einem Hoffnungsthema einer sich um das finanzielle Auskommen in der Pension ängstigenden Mitte machen, obzwar es um die Bevorteilung von Überreichen geht.
Anmerkung zum Beitrag: Es handelt sich hierbei um die Privatmeinung des Autors.