Spanien: gute Entwicklung durch erfolg­reiche Wirtschafts­politik

23. Juli 2026

Spanien zeigt, dass progressive Wirtschaftspolitik Erfolge beschert: Statt auf Budgetkonsolidierung setzte die Regierung auf eine mutige Mindestlohnpolitik, öffentliche Investitionen und stabiles Staatsausgabenwachstum, progressive Arbeitsmarktreformen und gezielte Markteingriffe gegen die Teuerung. Die Entwicklung ist ungleich besser als in Österreich und im Euroraum: deutlicher Rückgang der Arbeitslosigkeit bei besseren Beschäftigungsverhältnissen, überdurchschnittliche Wachstumsraten, geringere Inflation – und eine Stabilisierung der Staatsfinanzen.

Wer die europäische Wirtschaftsdebatte der letzten anderthalb Jahrzehnte verfolgt hat, erinnert sich an das Troika-Programm für südeuropäische Staaten: Austerität, Deregulierung, Angriff auf die Sozialpartnerschaft und interne Abwertung, um über verbesserte Wettbewerbsfähigkeit wieder erfolgreich zu werden. Spanien war jahrelang ein Beispiel für die fatalen Folgen dieser Politik: deutlich sinkende Lebensstandards für breite Bevölkerungsgruppen, sehr hohe Arbeitslosigkeit – und trotzdem bestenfalls nur mäßige Wachstumsraten, die zu schwach waren, um die Staatsfinanzen zu stabilisieren.

Mit wirtschaftspolitischer Wende zum Erfolg

All das hatte auch die zu erwartenden politischen Auswirkungen, die zu Polarisierung und Instabilität führten, die bis heute anhalten. Nach fast zwei Jahren ohne stabile Regierung, bildete sich zu Jahresbeginn 2020 die erste Koalitionsregierung in der spanischen Geschichte (bestehend aus der Sozialdemokratischen Partei und dem kleineren Linksparteibündnis „Unidos Podemos“, die im Parlament zudem auf die Duldung bis Unterstützung mehrerer regionaler Parteien mit sehr wenigen Abgeordneten angewiesen war).

Gerade im Feld der Wirtschaftspolitik brachte diese neue Konstellation einen weitgehenden Kurswechsel, der im In- und Ausland zunächst kritisch beäugt und vor dessen Ergebnis gewarnt wurde. Spanien zeigt heute allerdings, dass eine progressive Wirtschaftspolitik nicht nur sozial, sondern auch ökonomisch die bessere Entwicklung ermöglicht. Freilich kann der jahrzehntelange absolute Rückstand zu Österreich (aber auch zum Euroraum insgesamt) nicht in wenigen Jahren aufgeholt werden, jedoch ist ungeachtet des Ausgangsniveaus die Veränderung der Kennzahlen beachtlich. So ist zu erklären, warum 2024 die global führende wirtschaftsliberale Wochenzeitung „The Economist“ das Land sogar zur „best-performing rich economy“ kürte.

Danach sah es 2020 zunächst aber gar nicht aus: Die Pandemie traf das Tourismusland Spanien besonders hart und führte zu besonders schlechten volkswirtschaftlichen Daten. Der Regierung gelang allerdings relativ rasch der Turnaround, auch weil sie die massive Unterstützung durch den EU-Fonds RRF besser genutzt hat als viele andere Mitgliedstaaten – und das nachhaltig. Ein Vergleich zu Österreich und dem Euroraum macht die Erfolgsgeschichte deutlich.

© A&W Blog


Die 3 Säulen des Erfolgs

Der Erfolg der spanischen Wirtschaftspolitik beruht auf einem kohärenten Zusammenspiel aus nachfrage- und angebotsseitigen Maßnahmen. Drei Punkte stechen dabei hervor:

1. Eine progressive Reform des Arbeitsmarkts und Stärkung der Löhne

Eines der größten Strukturprobleme Spaniens war jahrzehntelang die extrem hohe Quote an befristeten Arbeitsverträgen von über einem Viertel. Vor allem junge Menschen blieben lange prekär beschäftigt, was sich ökonomisch negativ auf die Produktivitätsentwicklung sowie individuell auf die Planungssicherheit auswirkte. Mit der – gemeinsam mit Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ausgehandelten – 2021 beschlossenen Reform wurden unbefristete Anstellungen zum gesetzlichen Regelfall, befristete Verträge auf definierte Ausnahmen beschränkt.

Die Reform wirkte: Während die Zahl befristeter Arbeitnehmer:innen um über eine Million schrumpfte, stieg jene der unbefristet Beschäftigten um knapp drei Millionen – die Befristungsquote hat sich im privaten Sektor mittlerweile halbiert. Diese neuen Perspektiven waren nicht nur für die betroffenen Menschen gut, sondern steigerten Produktivität und Konsum.

Zudem wurde der in den 2010er-Jahren real stark gekürzte Mindestlohn massiv erhöht – und damit in der Praxis wieder tatsächlich relevant. Während es 2016 kaum jemanden gab, der Vollzeit wirklich nur die 655,20 Euro im Monat verdiente, profitieren mittlerweile über 2,5 Mio. Beschäftigte von den Anhebungen (mehr als jede:r Zehnte). Nach dem Meilenstein von 1.000 Euro im Jahr 2022, wurde er 2025 auf 1.184 Euro weiter angehoben – mit dem Ziel, den gewerkschaftlichen wie europäischen Richtwert von 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens als verbindliche Untergrenze umzusetzen. Darüber hinaus wurde das Kollektivvertragssystem wieder gestärkt, indem Branchenkollektivverträgen neuerlich Vorrang eingeräumt wurde (im Rahmen der verfehlten Strategie der internen Abwertung hat die konservative Alleinregierung das zuvor geändert).

Entgegen den Warnungen konservativer Ökonom:innen vor Arbeitsplatzverlusten wirkte die massive Stärkung der untersten Einkommen konjunkturstützend und führte so sogar zu mehr – und stabileren – Arbeitsplätzen. Sie war auch eine gerechte Kompensation für die Verluste der letzten Krise 2009, die die real verfügbaren Einkommen im untersten Drittel besonders stark getroffen hatten.

2. Eine Neuausrichtung der Fiskalpolitik

Während ab 2010 die spanische Reaktion auf das Rekorddefizit von grob 10 Prozent des BIP in drastischer Austeritätspolitik bestand, reagierte die Regierung 2021 auf ein abermals so hohes Defizit völlig anders. Das zeigt sich eindrucksvoll an der Entwicklung der Staatsausgaben:


© A&W Blog


In beiden Fällen war die Entwicklung jedoch wesentlich von der europäischen Ebene mitbestimmt: 2010 unter massivem Druck, 2021 mit massiver Hilfe. Mit den durchwegs positiven Wachstumsraten der Staatsausgaben konnte die Ökonomie diesmal stabilisiert werden, sodass die Einnahmen nicht weggebrochen sind – und im Ergebnis einen stärkeren Rückgang des Defizits bewirkten. Gemeinsam mit den EU-Hilfen sowie Steuererhöhungen konnte Spanien im Vorjahr mit 2,4 Prozent des BIP das niedrigste Defizit seit 2007 erzielen – trotz der Ausgabensteigerungen (und steigender Zinsen).

Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Regierung bei den Staatsausgaben ein besonderes Augenmerk auf öffentliche Investitionen richtete (ausführlicher in dem diesem Beitrag zugrunde liegenden längeren Fachartikel). Sie nutzte die EU-Gelder, um innovative strategische Projekte zu finanzieren, die mit ihrem Potenzial für Wachstum, Beschäftigung und Klimaschutz ausgewählt wurden. Ein großer Teil landete im Energiesektor und ermöglichte es dort, den Anteil der Erneuerbaren signifikant zu steigern – und damit die Grundlage für eine Entlastung der Haushalte und einen innereuropäischen Wettbewerbsvorteil der Industrie zu schaffen. Randbemerkung: Von den EU-Hilfen profitierten auch andere Staaten, Österreich sogar besonders (über 1 Prozent des BIP, davon rund ein Siebentel aus Spanien, siehe Analyse der EU-Kommission).

3. Die Zähmung der Inflation

Als Europa 2022 von der Energiepreiskrise getroffen wurde, reagierte die Regierung in Madrid schnell und unkonventionell. Das prominenteste Beispiel ist das sogenannte iberische Modell einer Strompreisreform. Flankiert wurde dies durch gezielte Entlastungen, wie die kostenlose Nutzung des Nah- und Regionalverkehrs für Pendler:innen und Mietpreisbremsen. So gelang es in Spanien, die Teuerungsrate deutlich schneller und effektiver zu senken als der Durchschnitt der Eurozone.

Obwohl das deutlich höhere Wirtschaftswachstum der letzten beiden Jahre die Inflation wieder stärker steigen ließ als im Rest von Europa, ist der kumulierte Vorsprung noch geblieben. Betrachtet man die einzelnen Positionen, auf die sich die Regierung konzentrierte, geht der Erfolg sogar weiter: Im Mai waren die Haushaltsenergiepreise mit -3 Prozent sogar niedriger als im Vorjahr (Euroraum +3,4 Prozent); und auch beim Mietkostenanstieg lag man unter dem Euroraum-Durchschnitt (ungebrochen seit Einführung der Mietpreisobergrenze von zunächst 2 Prozent im März 2023, die mangels parlamentarischer Mehrheit für eine Verlängerung 2025 aber schon ausgelaufen ist). Relativierend muss jedoch erwähnt werden, dass die absolute Mietkostenbelastung in Spanien besonders hoch ist und innenpolitisch sogar ein zunehmendes Problem darstellt, weil die langjährige Alternative – Wohnungseigentum – für immer mehr junge Menschen insbesondere in den Städten versperrt ist.

Die Rolle der Migration

Abseits der Wirtschaftspolitik spielte die Migration – und der nicht von fundamentaler Ablehnung geprägte Umgang der Regierung mit ihr (bis hin zur Regularisierung von Menschen ohne aktuell gültigen Aufenthaltstitel) – eine wichtige Rolle für die gute makroökonomische Entwicklung in Spanien. Seit 2019 stieg die Zahl der im Ausland geborenen Einwohner:innen von 6,5 auf 9,5 Millionen, während jene der im Inland geborenen sogar um 0,6 Mio. schrumpfte. Ohne Migration wäre es nur schwer möglich gewesen, den Beschäftigungsanstieg um 2,9 Millionen Menschen im selben Zeitraum zu decken – und damit die höheren Wirtschaftswachstumsraten zu realisieren.

Fazit: eine progressive Wirtschaftspolitik ist wünschenswert und möglich

Die rezente wirtschaftliche Entwicklung in Spanien widerlegt das gängige Narrativ, dass eine bessere soziale Absicherung, höhere Staatsausgaben, ein rascherer Ausstieg aus fossilen Energieträgern und Preiseingriffe der wirtschaftlichen Entwicklung schaden. Im Gegenteil: Diese Dinge sind eher die Basis, um gut aus einer Krise zu kommen. Wenn der Staat als gestaltender Akteur auftritt – sei es durch eine bessere Absicherung am Arbeitsmarkt, Preisdeckelungen bei existenziellen Gütern oder gezielte Investitionen – schafft er Stabilität und Vertrauen. Wenngleich eine Übertragung auf Österreich nur eingeschränkt möglich ist, so ist es positiv, dass die Bundesregierung sich zumindest bei der Anti-Inflationspolitik stärker am spanischen Beispiel orientiert.

Spanien zeigt zudem, dass es mit strategischen industriepolitischen Investitionen bzw. deren Förderung und einem Fokus auf erneuerbare Energien gelingen kann, auch die langfristigen ökonomischen Grundlagen zu verbessern. Ob es für Spanien so positiv weitergeht und eine dauerhafte Transformation gelingt, ist noch offen. Fest steht, dass die wirtschaftliche Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit ein kraftvolles Beispiel ist, dass eine andere, gerechtere Wirtschaftspolitik nicht nur möglich, sondern auch messbar erfolgreicher sein kann.

Dieser Beitrag basiert auf einer deutlich umfassenderen Analyse auf Englisch, die die beiden spanischen Autoren für Heft 1/2026 der Quartalszeitschrift „Wirtschaft und Gesellschaft“ der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK Wien verfasst haben. Für den Blog-Beitrag wurden einige der Daten aktualisiert und um die Einordnung aus österreichischer Perspektive ergänzt.

Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0: Dieser Beitrag ist unter einer Creative-Commons-Lizenz vom Typ Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International zugänglich. Um eine Kopie dieser Lizenz einzusehen, konsultieren Sie http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/. Weitere Informationen https://awblog.at/ueberdiesenblog/open-access-zielsetzung-und-verwendung