Frauen machen sich häufiger Sorgen um die Klimakrise als Männer. Das Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ kann erklären, warum dieser Gender Gap mit Einstellungen zu Geschlechterverhältnissen zusammenhängt.
Frauen machen sich häufiger Sorgen um die Klimakrise als Männer – dieser Gender Gap zeigt sich in den Daten. Konservative politische Einstellungen verringern Klimasorgen; unsere Analysen zeigen jedoch einen zusätzlichen Effekt: Auch traditionelle Wertvorstellungen zu Geschlechterrollen senken unter Männern die Wahrscheinlichkeit, sich um den Klimawandel zu sorgen. Dieser Zusammenhang lässt sich mit dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit erklären, das auf Kontrolle, Technikfixierung und der Beherrschung der Natur beruht – und damit auch Raum für autoritäre Bewegungen schafft. Um diesen effektiv zu begegnen, ist eine solidarische Neuausrichtung unseres Wirtschaftssystems erforderlich.
Der Gender Gap bei Klimasorgen
Wir haben mit Daten (2019) des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) untersucht, ob sich die wahrgenommene Dringlichkeit der Klimakrise nach Geschlechtern unterscheidet. Konkret haben wir die Frage gestellt: Ist die geringere Klimawandelsorge unter Männern auch in deren stärkerer Zustimmung zu traditionellen Männlichkeitsvorstellungen begründet? Klimasorgen sind deswegen relevant, weil sie nicht nur eine Einstellung, sondern einen entscheidenden Treiber für die politische Unterstützung für Klimapolitik darstellen. Wenn wir Verhaltensänderungen und Handeln in Bezug auf Klimafragen verstehen wollen, müssen wir auch Einstellungen zum Klimawandel verstehen (Albarracin et al. 2005).
Auf die Frage, welche Sorgen sich Menschen über Klimawandelfolgen machen, antwortet die überwiegende Mehrheit in Deutschland mit „einige oder große Sorgen“. Nur ein geringer Anteil unter Männern und Frauen macht sich keine Sorgen – dieser ist unter Männern jedoch doppelt so groß (siehe Grafik 1). Dagegen machen sich Frauen deutlich häufiger große Sorgen um die Folgen der Klimakrise. Das wird häufig mit Sozialisierung erklärt, wonach Frauen traditionell eher Fürsorge-Rollen übernehmen, auch gegenüber der Umwelt. Doch Strapko et al. (2016) zeigen, dass diese Erklärung zu kurz greift. Sie kann leicht essentialistische Vorstellungen von „natürlichen“ Eigenschaften von Frauen oder Männern befördern: Frauen seien „von Natur aus“ besorgter um Familie und Natur, hätten also eine biologische Veranlagung dazu – dabei sind Geschlechterrollen sozial konstruiert, historisch gewachsen und somit umkämpft und veränderbar. Um die Dynamiken hinter dem Gender Gap in Klimasorgen zu verstehen, braucht es daher einen Blick auf die tieferliegenden Strukturen gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Traditionelle Geschlechterbilder als Erklärungsfaktor
Als Nächstes untersuchen wir, ob geringere Klimasorgen durch eine traditionelle Einstellung zu Geschlechterrollen erklärbar sind. Diese messen wir durch einen Index aus mehreren Fragen zu Geschlechtervielfalt, der von 1 bis 7 reicht. Abgefragt wird beispielsweise die Zustimmung zu folgendem Statement: „Es sollte in unserer Gesellschaft akzeptiert werden, dass sich nicht jeder mit seinem biologischen Geschlecht identifiziert.“ Höhere Werte stehen für eine stärkere Ablehnung und damit für traditionellere Geschlechtervorstellungen – ein Indikator für dominanzorientierte, traditionell-männliche Vorstellungen.
Vergleichen wir nun die Klimawandelsorgen von drei Gruppen: Männern mit niedrigen, mittleren und hohen Leveln von traditionellen Einstellungen zu Geschlechterverhältnissen. Das Muster ist eindeutig: Nur 5 Prozent der Männer mit progressiveren Einstellungen zu Gender gegenüber 25 Prozent derer mit traditionellen Einstellungen geben an, sie machen sich keine Sorgen bezogen auf die Folgen der Klimakrise. Bei Frauen sehen die Ergebnisse ähnlich aus.
Dieser Zusammenhang bleibt auch dann bestehen, wenn man den Effekt von weiteren Faktoren herausrechnet: politische Einstellung, Alter, Bildung, Einkommen. Anders gesagt: Wenn man zwei Männer vergleicht, die in allem ähnlich sind, aber sich in ihrer Geschlechtervorstellung unterscheiden, hat der mit den traditionelleren Einstellungen eine rund 26 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, sich um den Klimawandel zu sorgen. Zusätzlich wirken sich rechte politische Einstellungen negativ aus: Eine Stufe weiter rechts auf der politischen Skala bedeuten etwa 17 Prozent geringere Klimasorgen. Bei Frauen ist der Zusammenhang zwischen Geschlechtereinstellung und Klimasorgen nicht signifikant. Die Daten legen daher nahe, dass die Wahrnehmungen des Klimawandels vor allem unter Männern eng mit Vorstellungen über Geschlechterrollen verknüpft sind. Für Frauen hingegen lässt sich dieser Zusammenhang nicht eindeutig statistisch bestätigen, hier könnten andere Faktoren die Ergebnisse beeinflussen.
Männlichkeitsvorstellungen und Machtverhältnisse
Warum hängen Geschlechterbilder und Klimasorgen zusammen? Eine mögliche Erklärung beruht auf dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit, ursprünglich formuliert von Raewyn Connell (1990). Es beschreibt jene Form von Männlichkeit, die gesellschaftlich als legitim gilt und bestimmten Menschen Macht und gesellschaftliche Deutungshoheit sichert. Dabei beschreibt hegemoniale Männlichkeit nicht einzelne, tatsächlich existierende Männer oder Frauen, sondern das Modell drückt weit verbreitete Ideale, Fantasien und Wünsche aus (Connell/Messerschmidt 2005). So wird eine soziale Ordnung strukturiert: Bestimmte Eigenschaften – wie Rationalität, Unabhängigkeit, Technikfixierung oder der Zugriff auf Natur und andere Menschen – werden mit einer Vorstellung von „Männlichkeit“ verbunden und höher bewertet als nicht-männlich beziehungsweise weiblich konnotierte Eigenschaften wie Fürsorge, Verletzlichkeit oder Kooperation. Dieses Ideal wandelt sich zwar historisch und kulturell, prägt aber bis heute, wie wir über Politik, Wirtschaft und eben auch über die Klimakrise sprechen (Pearse 2017).
Hegemoniale Männlichkeit wirkt so über verschiedene Kanäle auf Klimasorgen. Erstens werden Klimaschutz und Fürsorge kulturell oft als „weiblich“ markiert (Brough u. a. 2016); wer an traditionellen Männlichkeitsbildern festhält, distanziert sich eher von diesen Themen. Zweitens spielen systemrechtfertigende Tendenzen eine Rolle: Traditionelle Geschlechterrollen sind häufig mit dem konservativen Wunsch verknüpft, bestehende Machtstrukturen zu bewahren. Klimapolitik, die Veränderungen erfordert, wird dadurch eher als Bedrohung wahrgenommen und abgelehnt (McCright/Dunlap 2011). Drittens zeigt Forschung, dass hierarchische Wertvorstellungen Pro-Umwelt-Einstellungen schwächen. Dieser Zusammenhang besteht unabhängig von Geschlecht, wobei Männer häufiger hierarchische Wertvorstellungen vertreten (Lewis/Palm/Feng 2019).
Was das für Klimapolitik bedeutet
Unsere Analyse liefert Hinweise darauf, wie Machtverhältnisse einen Einfluss auf Klimasorgen haben und wie Geschlechterverhältnisse identitätsstiftend wirken. Empirische Studien zeigen zwar, dass gerade wohlhabende Männer überdurchschnittlich viel zur Klimakrise beitragen: durch zu hohen Fleischkonsum, energieintensive Lebensweisen und häufiges Reisen (Räty/Carlsson-Kanyama 2010). Doch es geht hierbei nicht um individuelle Schuldzuweisungen, sondern um die Strukturen eines patriarchalen Machtsystems, das oft unsichtbar bleibt, weil es als „normal“ wahrgenommen wird. Die Klimakrise ist das Ergebnis fossiler Industrialisierung, Kolonialismus und eines Wirtschaftssystems, das auf Wachstum und Ausbeutung setzt (Merchant 1989). Hegemoniale Männlichkeit ist eng mit diesem System verflochten: Sie verbindet Vorstellungen von Stärke, Kontrolle und technischer Überlegenheit mit dem Anspruch, die Natur zu beherrschen (Pease 2019).
Nur wenn wir grundlegende soziale Dynamiken verstehen und adressieren, können wir eine breite gesellschaftliche Unterstützung mobilisieren, die nötig ist, um die Klimakrise wirksam und sozial gerecht zu bewältigen. Aus unserer Sicht braucht es daher eine radikale Infragestellung hegemonialer Männlichkeit. Ein zentraler Schritt dafür ist eine gesellschaftliche Neuausrichtung unseres Sozial- und Wirtschaftssystems: auf Fürsorge und Solidarität. Unsere Wirtschaftstätigkeit kann nicht mehr auf Profitmaximierung und den expansiven Zugriff auf die Natur ausgerichtet sein. Wir müssen beginnen, fürsorgende Wirtschaftstätigkeiten als die eigentlich produktiven Tätigkeiten zu begreifen. Das muss mit einer Aufwertung und dem Ausbau von Sorgetätigkeiten einhergehen. Konkrete erste Schritte wären ein Ausbau von Kinderbetreuung, Altenpflege, Gesundheits- und Bildungssystem ebenso wie eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung.
Dass diese Visionen nicht nur utopisch wirken, sondern sich zudem die öffentliche Diskussion in die Gegenrichtung bewegt, spielt all jenen in die Hände, die konservative Geschlechtervorstellungen haben und die Klimakrise leugnen. Rechte Bewegungen in Deutschland wie auch in den USA nutzen längst Vorstellungen und Gefühle rund um Männlichkeit bzw. Gender zur Mobilisierung und Politisierung. Umso dringlicher ist es daher, der Gefahr von autoritativen Tendenzen durch ungleichheitsverringernde und emanzipatorische Maßnahmen den Nährboden zu entziehen.
Geschlechtergerechtigkeit, soziale Gleichheit und Klimaschutz sind keine getrennten Baustellen, sondern miteinander verwobene Herausforderungen, die nur gemeinsam gelöst werden können und müssen.