Fast achtzig Jahre ist es her, dass 1948 die erste Frau in Österreich das Amt einer Bürgermeisterin antrat. Sie kam aus der niederösterreichischen Gemeinde Gloggnitz, jenem Bundesland, das mit 16,6 Prozent heute den höchsten Frauenanteil unter den Gemeindevorsitzenden aufweist. Obwohl die Zahl der Bürgermeisterinnen und Gemeinderätinnen stetig steigt und 2025 einen neuen Rekord erreicht hat, sind insgesamt noch immer zu wenig Frauen auf Gemeindeebene politisch präsent. Viele legen ihre Ämter auch nach kurzer Zeit wieder zurück. Dieser Beitrag beleuchtet, warum die Situation so ist, weshalb wir mehr Frauen in der Kommunalpolitik benötigen und wie diese Entwicklung gefördert werden kann.
Nur jede zehnte Gemeinde in Österreich hat eine Bürgermeisterin
Österreich weist mit 11,7 Prozent einen sehr niedrigen Frauenanteil unter den Bürgermeister:innen auf und liegt damit weit unter dem EU-Durchschnitt von ebenfalls niedrigen 18,2 Prozent (2024). Auch bei den Gemeinderätinnen liegt Österreich mit einem Frauenanteil von rund 26 Prozent weit hinter dem EU-Durchschnitt von 34,5 Prozent (2024). Beim Anteil der Bürgermeisterinnen steht Niederösterreich trotz eines geringen Anteils von knapp 17 Prozent an erster Stelle, wenn man Wien aufgrund seiner Doppelfunktion als Bundesland und Bundeshauptstadt nicht berücksichtigt. Würden Bezirksvorsteher:innen miteinfließen, wäre Wien mit einem Frauenanteil von fast 50 Prozent an der Spitze. Schlusslicht bilden die Bundesländer Kärnten (7,4 Prozent) und Tirol (7,6 Prozent), die relativ betrachtet nicht einmal halb so viele Bürgermeisterinnen haben wie Niederösterreich.
Im Gemeinderat ist nur ein Viertel der Mandate von Frauen besetzt
Eine Erhebung der AK Niederösterreich im Sommer 2025 anlässlich der Gemeinderatswahlen im selben Jahr zeigt im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg des Anteils der Vizebürgermeisterinnen um rund 2 Prozentpunkte, sodass aktuell rund jede vierte Gemeinde (24 Prozent) in NÖ zumindest eine Vizebürgermeisterin hat. In der Mehrheit der Gemeinden (60 Prozent) sind beide Ämter männlich besetzt.
Der Frauenanteil in Österreichs Gemeinderäten beträgt durchschnittlich 26 Prozent, es wird also nur ein Viertel der Mandate von Frauen besetzt. In Niederösterreich hat sich der Anteil nach der letzten Gemeinderatswahl etwas erhöht und beträgt aktuell 29 Prozent, wobei es hier auffällige regionale Ballungen gibt. Im Zentralraum und in den Städten ist der Frauenanteil tendenziell höher als beispielsweise in den ländlichen Bezirken des Waldviertels.
Die räumliche Nähe von Gemeinden mit hoher Frauenbeteiligung wurde bereits im Zuge des letzten Städtebund-AK-Gleichstellungsindex 2025 bemerkt und in Zusammenhang mit bestehenden Frauennetzwerken gebracht. Dort wurde außerdem angemerkt, dass Frauen im Laufe einer Amtsperiode vielfach ihre Mandate zurücklegen. Was hält Frauen davon ab, politische Ämter in der Kommunalpolitik zu ergreifen? Und wieso verlassen viele Frauen innerhalb einer Amtsperiode die Gemeindepolitik?
Ausbau der Kinderbildungs- und Betreuungsplätze ermöglicht weibliche Partizipation und umgekehrt
Politische Funktionen in Gemeinden werden in der Regel als Nebentätigkeiten ausgeübt. Kinderbetreuungspflichten und unbezahlte Care-Arbeit, die immer noch hauptsächlich Frauen zugeschrieben werden, belasten diese zusätzlich und können von politischem Engagement abhalten. Im Rahmen einer Bürgermeister:innen-Befragung des Gemeindebundes (2024) nennen drei Viertel der befragten (Vize-)Bürgermeisterinnen und acht von zehn (Vize-)Bürgermeistern Vereinbarkeitsprobleme als Grund für den niedrigen Frauenanteil.
Umgekehrt ist nachgewiesen, dass Frauen in politischen Positionen einen positiven Effekt auf das Angebot öffentlicher Kinderbetreuung haben. Gerade deshalb sollte aus Arbeitnehmer:innensicht die Erhöhung von Frauenanteilen in der Kommunalpolitik forciert werden. Internationale Befunde zeigen, dass sich eine stärkere Partizipation von Frauen auf Kommunalebene positiv auf die Wahlbeteiligung auswirken kann. Frauen bringen außerdem oft andere Prioritäten in politische Entscheidungsprozesse ein. Laut OECD führt die Präsenz von Frauen in der Politik zu ambitionierteren Klimazielen und zu mehr sozialer Gerechtigkeit. Ein Bericht der UN Women sieht politische Partizipation von Frauen sogar als essenziell an, wenn es um die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele für 2030 geht.
Männlich geprägte Gemeinderatskulturen
Neben Vereinbarkeitsproblemen sind auch männlich geprägte Kulturen im Gemeinderat für den geringen Frauenanteil mitverantwortlich. Nicht nur die zeitliche Lage der Gemeinderatssitzungen, auch Umgangsformen orientieren sich an männlichen Kulturen. Der traditionelle Gang ins Wirtshaus im Anschluss an die Sitzungen gestaltet sich für Frauen aufgrund von Doppelbelastung und der noch immer gängigen Vorstellung von Geschlechternormen als problematisch. In der bereits erwähnten Befragung des Gemeindebundes sehen zwei Drittel der Bürgermeisterinnen – und rund 30 Prozent der befragten Bürgermeister – männlich geprägte Parteikulturen als (Mit-)Grund für den geringen Frauenanteil. Kommunalpolitiker:innen haben immer wieder mit persönlichen Anfeindungen zu kämpfen, bei Frauen kommt häufig noch Sexismus hinzu. Gemeinderätinnen brauchen daher besondere Unterstützung. Ein Mentoring-Programm, welches den Anspruch hat, Frauen auf ihre Position als Gemeinderätinnen vorzubereiten, wurde vom Land Niederösterreich im September 2025 gestartet. (Vize-) Bürgermeisterinnen agieren als Mentorinnen und geben Neueinsteigerinnen im Gemeinderat Hilfestellungen, mit denen ihr politischer Alltag erleichtert werden soll.
Fehlender Karenzanspruch und Mutterschutz
Hinderlich ist auch der fehlende Karenz- und Mutterschutzanspruch für Bürgermeisterinnen in den meisten Bundesländern. Seit 2023 gibt es in Niederösterreich eine Mutterschutzlösung (acht Wochen vor der Geburt voller Bezug und acht Wochen danach 80 Prozent) und anschließend die Möglichkeit, ein Jahr in Karenz zu gehen, wobei eine Reduktion der Bezüge auf 50 Prozent erfolgt. Dieser Schritt erfolgte nicht zuletzt, um den Anteil an Bürgermeisterinnen zu erhöhen. Die Möglichkeit ist auch für Väter im Bürgermeisteramt vorgesehen. Im Land Salzburg gibt es bereits seit 2020 die Möglichkeit einer ebenfalls einjährigen Karenzierung für Bürgermeister:innen unter Entfall der Bezüge, wobei Kinderbetreuungsgeld bezogen werden kann.
Was es braucht, um Frauen verstärkt in die (Kommunal-)Politik zu holen
Frauen stellen rund 51 Prozent der österreichischen Bevölkerung, doch das spiegelt sich derzeit kaum auf Ebene der Gemeinden wider. Es braucht dringend mehr Bemühungen, um Frauen zu ermöglichen, eine (kommunal-)politische Karriere einzuschlagen. Ansätze hierfür sind:
- Ausbau hochwertiger Kinderbildungs- und -betreuungsangebote in den Gemeinden
- Quotenregelungen oder Reißverschlusssysteme, um den Anteil von Frauen zu erhöhen
- Mentoring-Programme, um Frauennetzwerke zu stärken
- Sichtbarmachung von „Role Models“, um andere Frauen zu stärken
- Einführung einheitlicher Karenzregelungen (und Mutterschutz) für Bürgermeister:innen, wie es in einzelnen Ländern bereits praktiziert wird
- Sensibilisierungsmaßnahmen zur Reflexion von Umgangsformen und Habitus, die Frauen exkludieren
- Verbesserung der Daten- und Studienlage durch regelmäßige systematische Erfassung der Geschlechterverhältnisse im Gemeinderat bzw. in der Gemeindeführung und Veröffentlichung in allen Bundesländern.