Zwischen Silicon Valley und Staatsplan: Aktive Industrie­politik als Strategie und System­konkurrenz

30. April 2026

Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Quanten-, Bio- und Weltraumtechnologien, so lautet die Rezeptliste. Ein Blick in die industriepolitischen Strategien der großen Wirtschaftsräume offenbart eine bemerkenswerte Gleichförmigkeit. Ob China, USA oder Europa: Die strategische technologische Agenda ist nahezu identisch. Die Unterschiede liegen nicht im Was, sondern im Wofür!

Weltweit sprechen alle von denselben Schlüsseltechnologien. Von San Francisco über Peking bis nach Berlin. Das ist auch nicht verwunderlich, da die Beherrschung der Schlüsseltechnologien als Voraussetzung für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit gilt. Der technologische Kern aus KI, Quanten, Halbleitern, fortgeschrittenen Materialien, Robotik und Biotechnologien, wie der Genomeditierung, bilden heute das industriepolitische Mindestprogramm. Wer sie nicht beherrscht, verliert wirtschaftliche Autonomie und politische Gestaltungsmacht. Technologie wird damit zur Systemfrage. Sie ist es, die über Abhängigkeiten, Widerstandskraft und politische Handlungsfähigkeit im 21. Jahrhundert entscheidet. Damit wird eines sehr klar: Die Unterschiede in den Industrie- und High-Tech-Strategien der Staaten unterscheiden sich viel weniger im „Was“ als vielmehr im „Wofür“.

Die Vereinigten Staaten: Schlüsseltechnologien als Machtinstrument

Die USA verknüpfen ihren Anspruch auf Technologieführerschaft in den Schlüsseltechnologien eng mit sicherheits- und verteidigungspolitischen Zielen. Der Zugang zu Energie, Rohstoffen, Halbleitern und Hochleistungsrechenkapazitäten wird in den industriepolitischen Strategien der USA als Voraussetzung für militärische und geopolitische Dominanz verstanden. Dies zeigt sich deutlich an der starken Betonung militärischer Forschung in den USA: Stichwort DARPA, der US-Behörde für Forschungsprojekte der Verteidigung. Industriepolitik erscheint in diesen Zusammenhängen weniger als klassisches Strukturprogramm, sondern als Instrument zur Sicherung technologischer Hegemonie. Dual-Use-Technologien, Exportkontrollen, Zölle und strategische Investitionen zielen darauf ab, den technologischen Vorsprung nicht nur zu halten, sondern geopolitisch nutzbar zu machen. Die technologische Führerschaft legitimiert in dieser strategischen Ausrichtung wirtschaftliche und politische Vormachtstellungen auf globaler Ebene. Das zugrunde liegende Wohlstandsmodell ist eindeutig innovations- und kapitalmarktbasiert, stark unternehmensgetrieben, Stichwort: digitale Monopole, und global expansiv.

China: Vertikale Integration als Souveränitätsprojekt

Spielte sich das Wettrennen um die Hoheit im Orbit und am Mond im 20. Jahrhundert zwischen den USA und Russland ab, so ist heute die Spielaufstellung eine andere. Der Wettlauf um die globale Dominanz durch die Beherrschung von Schlüsseltechnologien findet im 21. Jahrhundert zwischen China und den USA statt. Die Volksrepublik China verfolgt industriepolitisch schon seit vielen Jahren eine staatlich koordinierte Strategie entlang gesamter Wertschöpfungsketten. Nicht nur die Schlüsseltechnologien selbst sollen beherrscht werden, sondern das ganze industrielle Ökosystem – von den Rohstoffen über die Chips bis zu den Endanwendungen. Der Staat investiert gezielt entlang der gesamten Wertschöpfungskette, fördert Clusterbildung und unterstützt bei der Skalierung von Geschäftsmodellen. Technologiepolitik folgt hier einer missionsorientierten Logik, bei der wirtschaftliche, politische und strategische Ziele eng miteinander verbunden werden. Technologische Eigenständigkeit, Importsubstitution, die Skalierung nationaler Champions und die strategische Kontrolle über Rohstoffe und kritische Infrastrukturen stehen im Zentrum. Das Wohlstandsmodell Chinas ist produktions- und staatszentriert und verfolgt das Ziel der Kontrolle gesamter Wertschöpfungssysteme. Durch diese Kontrolle entsteht politische Macht über strategische Abhängigkeiten anderer von chinesischen Rohstoffen, Komponenten und Produkten.

Europa: Technologie und ihre soziale Einbettung

Die Europäische Union wählt einen anderen Weg als die USA und China. Neben der eigenen Widerstands- und Wettbewerbsfähigkeit stand in Europa die Gestaltung der dreifachen Transformation (digital, ökologisch, menschenzentriert) im Fokus. Dazu investiert sie und ihre Mitgliedstaaten ebenfalls in die bekannten Schlüsseltechnologien, jedoch verfolgt sie primär das Ziel, ihr sozialstaatlich-demokratisches Wohlstandsmodell unter veränderten geopolitischen Bedingungen zu sichern. Anders als in den USA oder China wird Regulierung selbst zum industriepolitischen Instrument: Datenschutz, Wettbewerbsrecht, Emissionshandel oder der CO2-Grenzausgleich sind Teil einer Strategie, die gesellschaftliche Einbettung, Nachhaltigkeit und Resilienz forciert. Europäische Industriepolitik ist dahingehend defensiver, stärker konsensorientiert und institutionell fragmentierter, zielt jedoch weniger auf Dominanz als auf Stabilität – ein Zugang, der in unsicheren Zeiten den gesellschaftlichen Ausgleich und die Balance sucht. Mitunter scheitert die Union aber an widersprüchlichen Interessen, unzureichender konsequenter Umsetzung und einem fehlenden Selbstbewusstsein, den eigenen Weg nachhaltig und bestimmt zu verfolgen. Ein europäischer Weg, der die Absicherung und Weiterentwicklung des sozialen Wohlstandsmodells basierend auf einer liberalen Demokratie und einem starken Arbeitnehmer:innen- und Konsument:innenschutz vorantreibt, kann eine glaubhafte Alternative in den zunehmenden globalen Spannungen darstellen.

Welchen Weg sollen wir wählen, Europa?

Die Welt setzt zu einem oder gleich mehreren Technologiesprüngen an. Die Auswirkungen sind bisher noch schwer einzuschätzen und von großen Unsicherheiten geprägt. Der globale Wettlauf, zum technologischen Platzhirsch zu werden oder seine Position in der Welt politisch abzusichern, verläuft dabei nicht primär entlang einzelner Technologien. Vielmehr verläuft er entlang unterschiedlicher Gesellschaftsmodelle, welche Technologie als Hebel nutzen. Obwohl alle denselben technologischen Kern in ihren Industrie- und High-Tech-Strategien adressieren, verfolgen sie doch normativ unterschiedliche Leitbilder: geopolitische Dominanz, systemische Souveränität oder soziale Resilienz. Am Ende gilt: Wer den technologischen Kern beherrscht, entscheidet nicht nur über Produktionsketten, sondern über normative Ordnungen, über Datenschutzstandards, Arbeitsrechte, Nachhaltigkeitsregeln oder militärische Fähigkeiten.

Für die Europäische Union und ihre Industriepolitik bedeutet dies zuallererst, sich darauf einzustellen, dass andere Weltregionen andere Ziele verfolgen als Europa selbst. Dies führt unweigerlich auch zu einer Zunahme von Konflikten. Die neue politische Realität ist: Beherrsche die Technologien oder erbe den Schock. Erst wenn das verstanden wird, können die eigenen Ziele formuliert und effektiv verfolgt werden und das europäische Vor und Zurück überwunden werden.

Die große Stärke Europas ist das Wohlstandmodell: Ein Fokus auf Innovationen in der öffentlichen Daseinsvorsorge wäre demnach nur konsequent, von der Verwaltung bis zur Technologie. Es geht nicht darum, das bessere Silicon Valley oder Shenzhen zu werden. Ziel muss es sein, Europas Erfolgsmodell unter den neuen Rahmenbedingungen und Realitäten in das 21. Jahrhundert zu heben. Der Erfolg liegt in vielen kleinen Schritten, die Stück für Stück Herausforderungen überwinden, ohne dabei die Missionsorientierung und Zielsetzung aus den Augen zu verlieren. Viele Schritte, die das Wohlfahrtsmodell innovieren und weiterentwickeln, bedeuten auch, dass die Veränderung für viele spürbar und erfahrbar wird und dadurch die Kraftanstrengung eine gemeinsame ist – für die Gemeinschaft.

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