Der Aufstieg der Roboter

23. September 2026

Humanoide Robotik entwickelt sich zu einer der zentralen strategischen Schlüsseltechnologien der kommenden Jahrzehnte. Mit ihrem menschlichen Aussehen und Fähigkeiten können sie in der Industrie, Produktion, Pflege, Logistik bis hin zu öffentlichen Dienstleistungen eingesetzt werden. Vorreiter ist einmal mehr China, das unter anderem über internationale Normungsorganisationen regulatorischen Einfluss auf globale Technologiestandards gewinnt. Europa ist gut daran beraten, eine eigene Strategie für humanoide Robotik zu entwickeln.

Ein Billionenmarkt entsteht

China produzierte im Jahr 2025 rund 15.000 humanoide Roboter. Das ist mehr als das 30-Fache von Nordamerika und über 150-mal so viel wie Europa. Damit befindet sich China in der besten Ausgangsposition, um die Technologie als Erste breit ausrollen zu können. Ihre Modelle sind heute bereits ab ca. 14.000 Euro erhältlich, während die westliche Konkurrenz Einstiegspreise von 17.000 bis 25.000 Euro plant. Hinzu kommt, dass das Reich der Mitte etwa zwei Drittel aller globalen Robotik-Patente hält und über die kostengünstigste Lieferkette verfügt.

Die Relevanz von Chinas Ausgangsposition wird beim Blick auf das Potenzial des Marktes klar: Schätzungen zufolge wird der globale Markt bis 2035 zwischen zirka 250 und 650 Milliarden Euro ausmachen und bis 2050 auf zwei bis vier Billionen Euro wachsen. Dieses Volumen wäre vergleichbar mit der heutigen globalen Automobilindustrie. Mit der Zeit werden die Produktionskosten deutlich sinken; die zukünftigen Betriebskosten je Roboter und Stunde werden auf rund zwei Euro geschätzt. Damit werden humanoide Roboter in den unterschiedlichsten Anwendungsfeldern wirtschaftlich enorm attraktiv.

Chinas industrie- und innovationspolitisch systemischer Ansatz

China verfolgt bei humanoider Robotik das klare Ziel, diesen Zukunftsmarkt zu dominieren. Dabei setzt China auf systemische Innovationspolitik in Form einer disruptiven Konstruktion statt isolierter Förderung einzelner Unternehmen. Einem solchen Ansatz folgend wird technologische Entwicklung gezielt mit Infrastrukturpolitik, Regulierung, Finanzierung, Bildungsmaßnahmen und gesellschaftlichen Anwendungsszenarien verbunden. Technologische Innovationen sollen nicht nur Märkte verändern, sondern auch frühzeitig in reale Anwendungen integriert werden. Die systemische Innovationspolitik von China manifestiert sich in der humanoiden Robotik insbesondere in öffentlichen Veranstaltungen wie Roboter Olympia oder im Alltag in der Verkehrssicherung und Überwachung.

Die zentralen Elemente der chinesischen Strategie sind vielfältig: öffentlich geförderte KI- und Robotikplattformen, gemeinsame Trainingsdatensätze, Open-Source-Modelle, staatlich unterstützte Testumgebungen, koordinierte industrielle Skalierung, institutioneller Wissenstransfer sowie eine staatliche Finanzierung von Hochrisikotechnologien. Treiber dieser Entwicklungen sind insbesondere regionale und kollaborative Einrichtungen wie beispielsweise das Pekinger Innovationszentrum für Embodied Intelligence. Dort arbeiten Unternehmen, Forschungsgruppen und Entwickler:innen gemeinsam an offenen Plattformen für humanoide Robotik.

Das Ziel ist, die Entwicklungskosten drastisch zu reduzieren und Lernprozesse zu beschleunigen. Dadurch verbreitet sich die Anwendung humanoider Robotik und die Kosten sinken weiter. Hierbei wird Open-Source-Wissen zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Plattformen wie Huisi Kaiwu, „RoboMIND“ oder der Humanoid „Qinglong“ ermöglichen Universitäten, Start-ups und Unternehmen den Zugang zu Trainingsdaten und Entwicklungswerkzeugen. Dadurch werden Wissensdiffusion, Standardisierung und Skalierung beschleunigt. Die kontrollierte Offenheit ist expliziter Teil der chinesischen industriepolitischen Strategie zur Stärkung nationaler Innovationskapazitäten. Europa verfügt bislang über keine vergleichbar integrierten offenen Plattformökosysteme für humanoide Robotik.

Normung und Standardsetzung werden zur geopolitischen Machtfrage

Was China ebenfalls im Auge hat: Die Entwicklung humanoider Robotik ist eng mit internationalen Normungsprozessen verbunden. Normung und Standards definieren Sicherheitsanforderungen, Schnittstellen, Datenformate, Interoperabilität und Zertifizierungsprozesse. China verfolgt dabei eine langfristige Strategie zur stärkeren Einflussnahme in internationalen Normungsorganisationen wie ISO, IEC und ITU. Ziel davon ist nicht nur die internationale Anerkennung chinesischer Standards, sondern auch die aktive Mitgestaltung zukünftiger Technologieregeln. Denn wer die Regeln schreibt, bestimmt das Marktumfeld maßgeblich mit.

Normung und Standards werden dadurch zu einem zentralen industriellen und geopolitischen Machtinstrument. Doch bislang unterschätzt die europäische Industriepolitik häufig die strategische Bedeutung technischer Standardisierung. Während China systematisch Expert:innen in internationale Normungsgremien entsendet, gezielt Sekretariate und Arbeitsgruppen besetzt, agiert Europa hier oftmals fragmentiert. Gerade im Bereich humanoider Robotik könnten zukünftige Normen über Marktführerschaft und technologische Abhängigkeiten maßgeblich entscheiden.

Humanoide Robotik verändert Arbeitsmärkte und soziale Infrastrukturen

Der Auf- und Ausbau humanoider Robotik wird erhebliche Auswirkungen auf Arbeitsmärkte und soziale Organisationen haben. Die chinesische Strategie zeigt eindringlich, dass Robotik nicht nur als Industrieanwendung, sondern zunehmend als gesellschaftliche Infrastrukturtechnologie verstanden wird. Dies betrifft unzählige Anwendungsfelder von der industriellen Montage, Logistik über Rollen im Gesundheitssystem und in öffentlichen Dienstleistungen bis hin zur Haushaltsunterstützung. Beispielsweise sollen humanoide Roboter auch eine Strategie zur Beantwortung demografischer Herausforderungen sein: Angesichts einer alternden Bevölkerung sollen sie langfristig Versorgungslücken in Pflege und Betreuung abfedern. Bereits 2029 sollen humanoide Systeme Teil des nationalen Altenpflegesystems werden.

Die Entwicklungen in humanoider Robotik stellen also grundlegende soziale und arbeitsmarktpolitische Fragen: Welche Tätigkeiten sollen automatisiert werden? Wie verändern sich dadurch Qualifikationsanforderungen? Wie werden Datenschutz und Sicherheit gewährleistet? Und wer profitiert von Produktivitätsgewinnen?

Europa muss daher auf Basis seines Wohlstands- und Wertemodells eine eigene Antwort entwickeln – in Form einer eigenen Strategie für den Umgang mit diesen Entwicklungen, Chancen und Gefahren. Erforderlich ist eine sozial orientierte Robotikpolitik, bei der Entwicklungen nicht ausschließlich unter Wettbewerbs- und Effizienzgesichtspunkten betrachtet werden dürfen.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine am Beispiel Brain-Computer-Interfaces

Die enormen technologischen Fortschritte im Bereich der Robotik und der künstlichen Intelligenz eröffnen gänzlich neue technische Möglichkeiten, wie das Beispiel des Mensch-KI-Teamings zeigt. Diese Gehirn-Computer-Schnittstellen (Brain-Computer-Interfaces, BCI) können invasiv (chirurgisch implantiert) oder nicht-invasiv (als tragbare Geräte wie Stirnbänder) in den Alltag integriert werden. China gehört neben den USA (insb. Neuralink) zu den führenden Produzenten. Derzeit werden BCI-Systeme vor allem im medizinischen und rehabilitativen Bereich zur Unterstützung bei körperlichen Einschränkungen, wie etwa bei Sprache oder Bewegung, eingesetzt. Auch in der Freizeit und im Alltag finden sie Anwendung, beispielsweise beim Gaming zur mentalen Steuerung in Videospielen oder zur Schlafregulierung. In der Arbeitswelt zielen die Systeme auf eine Effizienzsteigerung ab. So ist in China der Einsatz von BCI-Systemen bis 2027 in Basisindustrien wie Bergbau, Kernenergie und der Stromversorgung zur Überwachung und Steuerung geplant. Weitere Anwendungsfelder finden sich beim Militär zur Verbesserung der Reaktions- und Kampffähigkeit, aber auch im Bildungssystem, wo beispielsweise im Unterricht bereits die Konzentration der Schüler:innen mittels BCI-Stirnbändern überwacht wurde – was aber auf starken öffentlichen Widerstand stieß.

Das Aufkommen von Robotik und KI-Technologien stellt entscheidende soziale, ethische und gesellschaftliche Herausforderungen. Im Zentrum stehen Fragen zur menschlichen Autonomie und zum Schutz der Privatsphäre. Das betrifft insbesondere die Fähigkeit von BCI-Systemen, Gehirnaktivitäten zu erfassen, denn es braucht einen strikten Schutz vor unbefugtem Zugriff oder der Manipulation von Gefühlen. Auch Verbote von Diskriminierung und Leistungsdruck sowie ein Recht auf Ablehnung von BCI-Geräten am Arbeitsplatz müssen rechtlich abgesichert werden. Mitbestimmung und demokratische Gestaltung in der Anwendung solcher Technologien muss gestärkt werden.

Europa drohen ein strategischer Rückstand und neue Abhängigkeiten

Es zeichnet sich eine strukturelle Doppelabhängigkeit von chinesischer Roboter-Hardware und US-amerikanischer KI-Software ab. Dabei verfügt Europa weiterhin über starke industrielle Kompetenzen in Bereichen wie Maschinenbau, Automatisierung, Sensorik und industrieller Software. Doch gleichzeitig bestehen erhebliche strukturelle Schwächen, z. B. fragmentierte Innovationslandschaften, langsame Technologieskalierung und eine nicht ausreichend koordinierte Industriepolitik. Besonders problematisch ist es, dass Europa Forschungserfolge zu langsam in industrielle Plattformen und globale Marktführerschaft übersetzt. Dadurch wachsen technologische Abhängigkeiten, z. B. bei KI-Modellen, Robotikplattformen, Halbleitern, Cloudinfrastrukturen und Industriestandards. Langfristig kann das sowohl die industrielle Wertschöpfung als auch regulatorische Handlungsspielräume Europas einschränken.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass eine erfolgreiche Robotikpolitik nicht allein technologisch gedacht werden darf. Es braucht vielmehr einen integrierten Ansatz, der Industrie-, Technologie- und Innovationspolitik mit Sozial-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik verbindet. Eine rein defensive Regulierung oder ausschließlich marktgetriebene Innovationsförderung reichen dafür nicht aus. Europa muss daher strategische Investitionen und koordinierte Plattformen stärken. Zugleich muss es seine normativen Stärken ausspielen, indem es technologische Entwicklungen durch soziale Standards und klare Rahmenbedingungen in die richtige Richtung lenkt. Dies betrifft insbesondere Fragen der demokratischen Kontrolle, der Arbeitnehmer:innenrechte, Datenschutz, Transparenz und ethische Standards. Diese können die Grundlage eines eigenständigen europäischen Modells bilden, welches technologische Wettbewerbsfähigkeit mit demokratischer und sozialer Gestaltung verbindet.

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Europa benötigt daher eine eigenständige und systemische Strategie für humanoide Robotik, die technologische und Lieferketten-Souveränität, soziale Innovation, ethische Leitlinien, demokratische Regulierung und industrielle Wettbewerbsfähigkeit verbindet. Die öffentliche Hand kann dabei als Innovationsmotor durch Investitionen und öffentliche Beschaffung dienen, sodass Pilotprojekte, Wissenstransfer und kommunale Anwendungen maßgeblich zur Skalierung europäischer Robotiklösungen beitragen. Zudem braucht es offene Innovationsökosysteme, eine aktive Normungspolitik und die Verankerung sozialer Standards entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

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