Wir brauchen jetzt eine Wirtschaftsdemokratie, weil der notwendige ökologische Umbau innerhalb der bestehenden wirtschaftlichen Spielregeln auf dem Rücken der Vielen ausgetragen würde. Nur eine planende Wirtschaftspolitik kann die gesellschaftlichen Bedürfnisse in den Vordergrund rücken.
Die Klimakrise ist angekommen. Sie ist nicht mehr eine abstrakte Zukunftsbedrohung, sondern eine greifbare Gegenwart: in den Hitzewellen, die Baustellen und Spitäler zu Hochrisikozonen machen, in den Unwetterkatastrophen, die ganze Täler verwüsten, und in den steigenden Energiekosten, die sich Niedriglohnhaushalte kaum mehr leisten können.
Wer heizt die Klimakrise an?
Die Frage, wer die Klimakrise verursacht, ist keine moralische Debatte über individuelle Alltagsentscheidungen – sie ist eine politökonomische Kernfrage. Bisherige Methoden, CO₂-Emissionen zuzurechnen, greifen nach Einschätzung der AK Wien zu kurz: Beide klassischen Ansätze – entweder den produzierenden Unternehmen oder den konsumierenden Haushalten die Verantwortung zuzuschreiben – verschleiern, wer tatsächlich die Entscheidungsgewalt über klimarelevante Produktions- und Investitionsprozesse innehat.
Gemeinsam mit dem französischen Ökonomen Lucas Chancel, Mitautor des Climate Inequality Report 2023, hat die AK Wien daher erstmals einen kapitalbasierten Ansatz zur Zurechnung von Treibhausgasemissionen für Österreich angewendet. Das Ergebnis: Die reichsten 10 Prozent der österreichischen Haushalte sind durch Unternehmenseigentum und Investitionsentscheidungen für 56 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die mittleren 40 Prozent verursachen 27 Prozent, die untere Hälfte der Bevölkerung nur 17 Prozent – fast ausschließlich durch den eigenen Verbrauch, da ihnen kaum Kapitalvermögen gehört. Das reichste Zehntel emittiert im Schnitt das Zwölffache des ärmsten: 42,3 Tonnen CO₂-Äquivalente gegenüber 3,4 Tonnen pro Jahr.
Warum Preismechanismen allein versagen
Die herrschende Klimapolitik setzt dominant auf Preismechanismen: CO₂-Steuern und Emissionshandel sollen Verhalten verändern. Nicht grundsätzlich falsch – die hohen Energiepreise 2022/23 haben Verbrauch gesenkt und den Photovoltaik-Boom befeuert. Aber: Während ein Siebtel der Bevölkerung angab, sich Strom oder Heizung nicht mehr leisten zu können, stiegen Privatflugreisen auf Rekordniveau. Reiche kaufen sich aus der Klimapolitik heraus. Die Schere zwischen sozialem Stress und ökologischer Verantwortungslosigkeit wird durch Preisinstrumente nicht kleiner – sie wächst. Das erzeugt zu Recht Widerstand, wie die „Gelbwesten“-Proteste gegen die CO₂-Steuer auf Kraftstoffe in Frankreich zeigten.
Die Alternative lautet Ordnungspolitik: Gesetze, Verbote und verbindliche Standards, die keine Ausnahmen für Reiche kennen. Hinzu kommt die demokratische Dimension: Wer Vermögen ballt, kann es über Parteispenden, Lobbying und Medien in politischen Einfluss ummünzen. Die wachsende Vermögenskonzentration gefährdet damit auch die Demokratie selbst – und damit die Fähigkeit, wirksame Klimapolitik überhaupt durchzusetzen.
Daseinsvorsorge als klimapolitischer Schlüssel
Klimafreundliches Verhalten muss strukturell ermöglicht, nicht durch ökonomische Not erzwungen werden. Wer das Auto stehen lassen soll, braucht dichte, leistbare Öffis. Wer die fossile Heizung tauschen soll, braucht Fernwärme. Wer in einer überhitzten Mietwohnung lebt, braucht begrünte Grätzeln. Wer sich auf Zugang zu Verkehr, Energie, Gesundheitsversorgung und sozialen Wohnbau verlassen kann, braucht deshalb weniger eigenes Vermögen, um gut zu leben – und wird dadurch weniger erpressbar am Arbeitsmarkt. All das ist Daseinsvorsorge – und sie ist das Vermögen der Vielen.
Die von der AK Wien beauftragte Studie „Daseinsvorsorge 2030“ der TU Wien zeigt: Für einen ökologischen und qualitativen Ausbau der Grundversorgung in Gesundheit, Pflege, Elementarpädagogik und öffentlichem Verkehr fehlen bis 2030 rund 115.400 Arbeitskräfte. Die dafür notwendigen Investitionen betragen 31,1 bis 55,4 Milliarden Euro – könnten aber 54.000 bis 95.000 zusätzliche Brutto-Arbeitsplätze schaffen.
Entscheidend: Die Daseinsvorsorge muss öffentlich bleiben oder wieder öffentlich werden. Privatisierung und Liberalisierung haben Steuerungsmöglichkeiten erodiert. Der Umbau braucht eine planende öffentliche Hand – keine ausgelagerten Renditeforderungen.
Grünes Investitionspaket statt Konsolidierungspolitik
Statt sozial-ökologischer Investitionen setzt die österreichische Bundesregierung auf Kürzungen. Eine Analyse des Doppelbudgets 2025/26 durch die AK Wien zeigt: Die Lasten sind ungleich verteilt – Geringverdienende und Frauen tragen zu viel, Vermögende und Unternehmen zu wenig. Allein 650 Millionen Euro jährlich hätte eine Lkw-Maut als Transitentschädigung eingebracht. Der Klimaschutz bleibt im Budget unterfinanziert.
Dabei wäre das Potenzial enorm: Eine von der AK Wien beauftragte Studie der TU Wien beziffert den öffentlichen Kapitalstock auf über 500 Milliarden Euro. Allein sein klimaneutraler Umbau erfordert rund 68 Milliarden Euro in den Bereichen Energie, Verkehr und Gebäude – die Hälfte davon auf kommunaler Ebene. Daher braucht es auch einen kommunalen Klimainvestitionsfonds.
Wirtschaftsdemokratie als Voraussetzung
Die Einzelmaßnahmen – Ordnungspolitik, Investitionen, Daseinsvorsorge, Investitionsfonds – ergeben nur als Teil einer wirtschaftlichen Gesamtstrategie Sinn. Das Kernproblem: Unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Spielregeln führt ein ökologischer Umbau zwangsläufig zu sozialen Verwerfungen. Ein Ausstieg aus Öl und Gas ohne gerechte Kostenverteilung trifft Mietende in Altbauten. Eine CO₂-Steuer ohne Rückvergütung belastet arme Haushalte regressiv. Und der Druck auf energieintensive Industriestandorte ohne Alternativen stößt bei den betroffenen Beschäftigten zu Recht auf Widerstand. Die Klimaziele lassen sich mit der profitgetriebenen Logik des „Weiter-wie-bisher“ nicht erreichen.
Eine Neuausrichtung der Spielregeln wird nicht von jenen kommen, die von den bestehenden profitieren. Sie kann nur das Resultat einer kollektiven Auseinandersetzung sein, in der Arbeitnehmer:innen, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft ihre Interessen gemeinsam artikulieren und durchsetzen. Die AK Wien hat mit dem Plan für den sozialen und ökologischen Umbau gezeigt, wie das konkret aussehen kann. Wirtschaftsdemokratie ist dabei keine Nebenbedingung des Umbaus. Sie ist seine Voraussetzung.
Dieser Beitrag ist in der Zeitschrift „Wirtschaft und Umwelt, Ausgabe 3/2026“ zum Schwerpunkt „Wirtschaftsdemokratie“ erschienen.