Mehr Fachkräfte? Frauen entlasten!

03. März 2026

Frauen sind der Schlüssel zur Sicherung des Fachkräfteangebots für Österreich. Ihr Potenzial kann sich voll entfalten, wenn Frauen von der Care-Arbeit entlastet werden: Sozialstaat und gesellschaftlicher Wohlstand profitieren.

Pensionierungen, neue Technologien und Ökologisierung der Wirtschaft verschärfen die große Lücke von Fachkräften. Die Talente von Frauen werden unzureichend genutzt und unterschätzt. Ein wichtiger, lange geforderter Schritt, um dieses Dilemma zu lösen, ist die Gleichstellung von Frauen und Männern in Erwerbs- und Versorgungsarbeit, unterstützt durch qualitativ hochwertige staatliche Betreuungseinrichtungen für Minderjährige und Pflegebedürftige.

Die AK hat sich in einem Whitepaper mit dem Thema intensiv beschäftigt.

Warum und wo fehlen qualifizierte Fachkräfte?

Nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa fehlen Fachkräfte in unterschiedlichen Branchen: Technik, Handwerk, Gesundheitswesen, Kinderbetreuung, Verkehrswesen etc. Besonders drückend ist der Personalbedarf in den sogenannten systemrelevanten Branchen. Überall dort, wo ohne diese Arbeitsleistung ein normaler Alltag nicht aufrechterhalten werden kann: Energie- und Wasserversorgung, Telekommunikation, Verwaltung, öffentliche Sicherheit, Gesundheitswesen usw.

Für das Gelingen eines sozial-ökologischen Wandels braucht es zusätzliche Fachkräfte in den Bereichen Gebäude-, thermische und energetische Sanierung wie auch Begrünung.

Bereits 2029 fehlen 51.000 Fachkräfte mittlerer Qualifikation (BMS/Lehrabschluss).

Wo können die gesuchten Fachkräfte herkommen?

Wie schon in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts muss die österreichische wie auch die europäische Politik wegweisende Entscheidungen treffen: Aus welchem Potenzial sollen die gewünschten Fachkräfte entwickelt werden? Denn eines ist klar: Jene Alterskohorten, die den Abgehenden nachrücken, sind viel zu schmal besetzt, um diese zu ersetzen. Auch wenn der technologische Wandel einzelne Tätigkeiten oder Berufe obsolet macht, bleibt eine übergroße Lücke bestehen.  

Einige politische Strömungen wollen möglichst billig und möglichst unkompliziert Fachkräfte aus dem Ausland holen. Nur: Ganz Europa sucht die gleichen Fachkräfte, und das Potenzial aus dem EU-Raum ist nahezu ausgeschöpft. So können sich viele Fachkräfte aus Drittstaaten für Länder entscheiden, die mit Zuwanderer:innen unbürokratischer und mit weniger Hürden (Sprache, Unterstützung, Willkommenskultur, ...) umgehen.

Potenzial der Frauen als Fachkräfte unterschätzt

Das Potenzial der Frauen, die im Inland leben, seien es autochthone oder zugewanderte Frauen, wird stark unterschätzt.

Eine SORA-Studie im Auftrag der AK Wien geht von etwa 40.000 erwerbsfernen Frauen aus, die grundsätzlich arbeiten möchten. Dazu kommen etwa 140.000 Teilzeitbeschäftigte, die Mehrheit davon Frauen, die gerne mehr Stunden arbeiten würden.

Warum Frauen einzusetzen sinnvoll wäre

Frauen haben in den letzten Jahrzehnten in der Bildung enorm aufgeholt, bei den Abschlüssen haben sie die Männer bereits hinter sich gelassen.

Die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen einzusetzen ist für jeden Menschen sinnvoll und erfüllend. Für die Gesellschaft lohnen sich die Investitionen in Bildung und Ausbildung, wenn das Erlernte ausgeübt und perfektioniert wird. Und für den Sozialstaat österreichischen Typs mit starker Erwerbsorientierung ist ein hoher Anteil an Beschäftigten der Schlüssel zu seiner Aufrechterhaltung und Entwicklung.

Je mehr Beschäftigte in das System der sozialen Sicherheit einzahlen, desto besser ausgestattet kann die soziale Versorgung ausfallen.

Genau dieser Sozialstaat ist für Frauen aber besonders vertrackt. Denn einerseits ist die eigene Erwerbstätigkeit mehr als anderswo Basis für eigenständiges Einkommen, in der Folge somit für Absicherung im Alter und anderen unterstützungsbedürftigen Situationen. Andererseits dominieren weiterhin traditionelle Rollenbilder, die Frauen die Care-Arbeit zuschreiben. Die Mehrheit der Frauen ist in der Doppelmühle gefangen.

Versteinerte Rollen in Österreich

Frauen leisten die unbezahlte Arbeit wie Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege (4,3 Stunden täglich) und verdienen mit Teilzeitjobs „dazu“ (1 Million Frauen in Teilzeit!). Männer bringen über ihre Erwerbsarbeit das Geld nach Hause und beteiligen sich wenig an der Care-Arbeit. Fehlende Infrastruktur versteinert diese Rollenaufteilung (nur 30 Prozent der unter Dreijährigen haben einen Kinderbetreuungsplatz).

Die Auswirkung dieser Versteinerung zeigt sich am Arbeitsmarkt. Weil die gesellschaftliche Erwartung ist, dass Frauen hauptsächlich die Care-Arbeit übernehmen, werden strukturell alle Frauen am Arbeitsmarkt benachteiligt. Egal, ob sie es tatsächlich tun oder nicht. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingt weiterhin nur unzureichend.

Frauenarbeitsmarkt und Männerarbeitsmarkt

Die Interessen gegen die Gleichstellung von Frauen sind äußerst beharrlich. Der Arbeitsmarkt teilt sich auch im Jahr 2026 in einen Frauen- und einen Männerarbeitsmarkt auf. Dieser nach Geschlechtern segmentierte Arbeitsmarkt steht in unmittelbarem Zusammenhang zu einer geschlechtsspezifischen Bildungswahl, die wiederum auf den geplanten Lebensentwurf, die geplante Familienarbeit bezogen ist.

Selbst dann, wenn sich Frauen in Männerdomänen wagen, bleiben die Ergebnisse dieser Anstrengungen ernüchternd: Eine aktuelle IHS-Studie zeigt, dass Frauen in nicht-traditionellen Berufen der MINT-Branche rasch wieder aussteigen. Die Motive dafür finden sich wiederum in der segmentierten Arbeitswelt, die für Frauen mit einer von der Männernorm abweichenden Lebensrealität wenig Platz lässt.

© A&W Blog


79 Prozent der in MINT ausgebildeten Frauen, aber nur 53 Prozent der Männer verlassen den Bereich wieder. Nur 30 Prozent der MINT-Absolventinnen können ihre Qualifikation für die Karriere nutzen. Eine längerfristige Verringerung der geschlechtsspezifischen Segmentation ist damit nicht zu erreichen. Die fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt dabei eine wichtige, wenngleich nicht die zentrale Rolle.

Wie können mehr Frauen zu den gesuchten Fachkräften werden?

  1. Öffnen: Heben der stillen Reserve und Rückholen der Aussteigerinnen
  2. Willkommen heißen: Migrantinnen in den Arbeitsmarkt ermutigen
  3. (Er)halten: Gesunde Arbeitsbedingungen ermöglichen Arbeiten bis zur Pension
  4. Weiterdenken: Kompetenzen anerkennen
  5. Aufbrechen: über den Tellerrand schauen

1. Öffnen – wie?

Der Ausbau qualitativ hochwertiger Kinder- und Pflegebetreuungseinrichtungen ist eine der zentralen Maßnahmen zu einer effektiveren Einbindung von erwerbsfernen Frauen in den Arbeitsmarkt. Weiters muss Aussteigerinnen die Rückkehr in erlernte Berufe ermöglicht werden.

2. Willkommen heißen – wie?

Frauen mit Migrationshintergrund, insbesondere jene der zweiten und folgenden Generation, brauchen Ermutigung und erwerbsintegrierende Maßnahmen wie Qualifizierungsberatung und -unterstützung.

3. (Er)halten – wie?

(Ältere) Frauen in den systemrelevanten Berufen wie Gesundheitswesen und Erziehung und Betreuung benötigen gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen. Arbeitszeitreduktion, Gesundheitsvorsorge, generationenübergreifender Wissenstransfer sind Schlüssel dafür.

4. Weiterdenken – wie?

Alle Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten benötigen Sichtbarmachung, Erfassung, Anerkennung und Wertschätzung. Das bereits Vorhandene kann und soll aufqualifiziert werden, modular und verwendungsorientiert. Erprobte Best-Practice-Beispiele wie „Du kannst was“ aus Oberösterreich auf Österreich ausrollen.

5. Aufbrechen – wie?

Aus Best-Practice-Beispielen weltweit lässt sich lernen, dass Frauen überall erfolgreich tätig sein können. Über die Unterstützung bei der Wahl nicht-traditioneller Ausbildungswege hinaus braucht es eine Arbeitswelt, die Gleichstellung aktiv fördert. Arbeitsklima, Arbeitsbedingungen und Arbeitsteilung müssen an Bedürfnisse von Arbeitnehmer:innen angepasst werden.

Fazit

Damit sich Frauen und Männer in allen Berufen und Tätigkeiten bewähren können, muss Erwerbsarbeit und Care-Arbeit gerecht zwischen den Geschlechtern verteilt werden. Qualitativ hochwertige staatliche Betreuungseinrichtungen entlasten Arbeitnehmer:innen von aufreibender Versorgungsarbeit. Und Frauen können ihr Potenzial entfalten!

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