Die Zukunft vor der Haustür: Von Menschen, Maschinen und Märkten im kommenden Jahrzehnt

26. Mai 2026

Immer häufiger lesen wir von Technologien und Anwendungen, die man vor ein paar Jahren noch für puren Stoff aus Hollywood-Blockbustern hielt: KI-Assistenten wie Jarvis von Tony Stark oder humanoide Roboter in den Fabrikhallen und am Bügelbrett. All diese Nachrichten sind erste Anzeichen vom Entstehen gänzlich neuer Märkte, welche neue Herausforderungen, aber auch Chancen für Beschäftigung und Wohlstand mit sich bringen. Gleichzeitig stellen sich Fragen über die Bedingungen, unter denen Technologien entwickelt und angewendet werden sollen und wo nicht. Genau darin kann Europas wirtschaftliche Stärke liegen.

Technologiesprünge und Europas Stärke

Die globale Wirtschaft erlebt derzeit einen tiefgehenden Umbruch durch mehrere gleichzeitig auftretende rasante Entwicklungen, welche sich gegenseitig beeinflussen und auch noch verstärken. So erlauben beispielsweise die Fortschritte in der Robotik, erstmals menschenähnliche Maschinen zu bauen – eine Hoffnung, die bereits Leonardo da Vinci umtrieb. Doch die Maschinen wäre nichts ohne Gehirn. Erst die Kombination mit künstlicher Intelligenz wird diesen Maschinen zum Durchbruch verhelfen. Schneller als es uns bewusst ist, werden sie in den kommenden Jahren in unsere Arbeitswelt und in unseren Alltag vordringen.

Doch nicht nur dort sehen wir enorme Technologiesprünge. Von neuen Energiespeichern über Biotechnologie bis zum autonomen Fahren und der Gehirn-Computer-Schnittstelle ist die Rede. Dies alles entwickelt sich rasant zu zentralen Säulen zukünftiger Wertschöpfung und Beschäftigung und stellt unsere Institutionen – von der Unternehmensorganisation über die Verwaltungen bis hin zur Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik – vor große Herausforderungen. Dadurch stellen sich auch neue gesellschaftliche, rechtliche und ethische Fragen. Europas Stärke kann es sein, diese Fragen so zu beantworten, dass die Maschinen tatsächlich den Menschen und ihren Bedürfnissen dienen und nicht umgekehrt: durch Verantwortung, Mitbestimmung und Vorsorge.

Die technische Seite der Medaille: Von Marktpotenzialen, Infrastruktur und Anwendung

Viele neue Technologien werden unseren Alltag in Zukunft beeinflussen, neue Märkte schaffen und damit Beschäftigung und Wohlstand mitbestimmen. Ihr gemeinsames Marktvolumen beläuft sich jedoch bereits heute global auf mehrere Milliarden US-Dollar mit jährlichem Wachstum im zweistelligen Prozentbereich.

Zukunftstechnologiefelder und Marktprognosen

TechnologiefeldMarktvolumen
(Prognose)
Biotechnologie3.880 Mrd. US-Dollar
(2030)
Künstliche Intelligenz (KI)2.500 Mrd. US-Dollar
(2026)
Digital Trust & Cybersecurity1.000 Mrd. US-Dollar
(2031)
Weltraumwirtschaft852 Mrd. US-Dollar
(2035)
Robotik160 – 260 Mrd. US-Dollar (2030)
Autonomes Fahren200 – 214 Mrd. US-Dollar
(2030)
Fortgeschrittene Materialien170 Mrd. US-Dollar
(2030)
Energiespeicher (BESS)106 – 187 Mrd. US-Dollar
(2030)
6G (nächste Generation)110 Mrd. US-Dollar
(2036)
Climate Tech83 – 115 Mrd. US-Dollar
(2030)
Synthetische Biologie128 Mrd. US-Dollar
(2030)
Quantencomputing20 Mrd. US-Dollar
(2030)


Entscheidend sind jedoch nicht allein die schiere Größe dieser Einzelmärkte, sondern die strukturellen Muster und wechselseitigen Abhängigkeiten, die über Erfolg oder Scheitern von Unternehmen und ganzen Volkswirtschaften entscheiden werden. Drei Ebenen werden im Umgang mit diesen Technologien und ihren Märkten wirtschaftspolitisch hohe Relevanz haben: Infrastruktur, Anwendung und die Vernetzung zwischen Infrastruktur und Anwendung.

Ebene 1: Infrastruktur dominiert die Wertschöpfung – teuer, ressourcenintensiv und notwendig

Viele dieser Technologien haben etwas gemeinsam: Der überwiegende Teil der Umsätze basiert auf der zugrundeliegenden Infrastruktur. Beispiel Künstliche Intelligenz: Hier ist es nicht die Entwicklung der Algorithmen, die groß zu Buche schlägt, sondern es sind die Rechenzentren, Server und Microchips. In der Weltraumwirtschaft machen Satellitendienste und Startinfrastrukturen den größten Teil des Kuchens aus und Cybersecurity entwickelt sich immer mehr zur unsichtbaren, aber gleichzeitig unverzichtbaren Infrastruktur jeder digitalen Kommunikation. Daraus lässt sich eine strategische Implikation ableiten: Kontrolle über Infrastruktur sichert nicht nur Margen, sondern schafft auch strategische Abhängigkeiten. Das ist ein Vorteil, den China im Bereich erneuerbarer Energien von Photovoltaik, Netzinfrastrukturen bis zur Wasserstofferzeugung und die USA mit digitalen Monopolen bereits heute gezielt auszuspielen wissen. Dies zeigt sich auch anhand aktueller Beispiele: So wurde bekannt, dass eine US-amerikanische Firma den Münchner Hersteller von Laserterminals für Kommunikationssatelliten Mynaric gekauft hat. Gerade im Bereich der Raumfahrt und der Satellitenkommunikation wird sich entscheiden, wer künftig die digitale Infrastruktur kontrolliert. Und diese Kontrolle ist in den letzten Jahren nicht nur eine wirtschaftliche, sondern ebenso zu einer sicherheitspolitischen Frage geworden.

Ebene 2: Vernetzung als versteckter Turbo

Energiespeicher, 6G-Konnektivität und Climate Tech werden häufig als eigenständige Wachstumsfelder betrachtet, doch ihre eigentliche Bedeutung liegt in ihrer Ermöglichungsfunktion. Ohne leistungsfähige Batteriespeicher lässt sich ein klimaneutrales Energiesystem kaum aufbauen. Ohne 6G bleiben vernetzte Robotik, autonomes Fahren und digitale Zwillinge in Echtzeit nur Visionen oder Stoff aus Sci-Fi-Romanen. Die Abhängigkeiten sind jedoch wechselseitig. Man spricht von Kaskadeneffekten. Der Erfolg von KI und Robotik treibt den Strombedarf und damit die Nachfrage nach Energiespeichern. Die Kommerzialisierung der Raumfahrt ermöglicht über neue Erdbeobachtungsdaten Fortschritte beim Schutz kritischer Infrastrukturen und Ökosysteme und ermöglicht Kommunikationshighways bis in den letzten Winkel der Erde. Nur wer diese Querverbindungen versteht, kann strategische Hebel identifizieren, die in isolierten Marktbetrachtungen verborgen bleiben. Ein anschauliches Beispiel für solche Kaskadeneffekte sind die Quereffekte des Ausbaus erneuerbarer Energien. Die Massenproduktion von Photovoltaik und Windkraftanlagen sowie Batterien hat zu einer enormen Kostenreduktion dieser Technologien in den letzten Jahrzehnten geführt. So sind beispielsweise die Kosten für Batterien in den letzten Jahren um 99 Prozent gefallen. Das größere Angebot an erneuerbarem Strom senkt wiederum die Erzeugungskosten von grünem Wasserstoff und E-Fuels. Dies hilft wiederum, die Schiff- und Luftfahrt als auch die Industrie zu dekarbonisieren. Es zeigt, dass ein Aufbau von Produktionskapazitäten in weiteren Sektoren zu anderen Kostenstrukturen führt und dadurch auch dort Alternativen zum Durchbruch gelangen können.

Ebene 3: Anwendung schlägt Technologie – aber nicht überall

Während die Wertschöpfung bei KI, Cybersecurity oder Weltraumwirtschaft von Infrastrukturinvestitionen getrieben wird, zeigt sich bei anderen Technologien ein anderes Bild. Beispielsweise entsteht bei Quantencomputing der überwiegende Teil der Wertschöpfung nicht beim Technologieanbieter selbst, sondern bei den Anwender:innen: Finanz, Logistik oder Biotechnologien sind hierfür die Zielsektoren. Wer die Technologieanwendung beherrscht, beherrscht die Märkte. Ähnlich verhält es sich im Bereich der fortgeschrittenen Materialien und der synthetischen Biologie. So verdienen die Hersteller von Graphen, beispielsweise in Medizintechnik, Verbundwerkstoffen oder maßgeschneiderten Enzymen gut, doch die großen Wertschöpfungssprünge finden in den Endprodukten statt: von leichteren und aerodynamisch günstigeren Flugzeugflügeln bis zum im Labor gezüchteten Fleisch. Dieses Muster begünstigt Unternehmen mit tiefer Branchenexpertise und der Fähigkeit, Basistechnologien in spezifische Anwendungen zu übersetzen. Auch die Automobilindustrie ist als „Technologieintegrator“ ein Beispiel dafür. Jüngst gab es gerade im stark unter Druck geratenen Bereich der deutschen Automobilzulieferer vermehrt Berichte, dass der Bau von Robotern zu einem neuen Wachstumsfeld für die Branche werden kann. 


© A&W Blog


Systemisches Denken statt Silo-Betrachtung

Die technologischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen, die sich derzeit abschätzen lassen, sind nicht isoliert zu verstehen oder bearbeiten. Klar ist nur, dass sich die Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahren erheblich verändern werden. Dabei greifen die unterschiedlichen Technologien und Märkte Hand in Hand und bilden gemeinsam ein eng verwobenes Ökosystem, in dem Infrastrukturinvestitionen, Anwendungsexzellenz und Querschnittstechnologien einander bedingen. Für Politik und Verwaltung heißt dies vor allem eines: Der Fokus muss sich von der Förderung einzelner Technologien hin zur Gestaltung der Schnittstellen und dem Abbau von Abhängigkeiten verschieben. In Zeiten des schnellen wirtschaftlichen Wandels muss die Wirtschaftspolitik erkennen, wo Infrastruktur dominiert, wo Anwendung den Unterschied macht, wo Querverbindungen den Takt vorgeben können und wo Ressourcen gezielt im Sinne von guter Arbeit und europäischer Wertschöpfung eingesetzt werden.

Was bedeutet dies alles konkret? Die europäischen industriepolitischen Initiativen als auch die nationalen Industriestrategien müssen all dies im Kern ihrer strategischen Ausrichtung berücksichtigen, egal ob der EU Industrial Accelerator Act, die High-Tech-Strategie in Deutschland oder die Schlüsseltechnologieoffensive in Österreich. Gleichzeitig darf bei aller Analyse und Strategie nicht die konkrete Umsetzung vergessen werden. Jede Initiative ist nur so gut, wie sie einfach und praktikabel umgesetzt werden kann. Die großen Herausforderungen können nur über mehrere politische Ebenen hinweg gelöst werden. Entsprechend müssen die Verwaltungen auch dahingehend fit gemacht werden, die Kompetenzen und Fähigkeiten zu entwickeln, mit Unsicherheit und Komplexität umgehen zu können und aus den Projekten, die funktionieren und jenen die scheitern, lernen zu können. Gleichzeitig müssen wir gesellschaftspolitisch auch diskutieren, wo die Grenzen dieser Technologien und Technologiesysteme liegen und wo wir ihre Anwendung nicht sehen möchten. Selbst diese gesellschaftlich notwendigen Grenzziehungen können wiederum Innovation befeuern und vor allem in gewünschte Bahnen lenken.

Schwächen zu Stärken verwandeln

Mit den neuen Technologien stellen sich die unterschiedlichsten gesellschaftlichen, rechtlichen und ethischen Fragen. Die Fragen liegen jedoch nicht in den Technologien selbst, sondern vielmehr in den Asymmetrien, die sie in Wirtschaft und Gesellschaft bewirken können. Technologien verändern Machtverhältnisse und sind gleichzeitig selbst Ausdruck dieser. Wer Technologien kontrolliert und beherrscht, kann strategische Abhängigkeiten erzeugen, Meinungen beeinflussen und politische Macht ausüben. Dies gilt nicht nur für Staaten, sondern auch für Unternehmen, welche bestrebt sind, diese Macht zu nutzen. Beispiele dafür zeigen sich am Einfluss und der Macht der Big-Tech-Konzerne. Dabei gilt der altbekannte Grundsatz: Macht braucht Kontrolle, zumal einige Anwendungen dieser Technologien die Grundbedingungen des Zusammenlebens berühren. Nämlich dann, wenn KI Entscheidungen über Menschen trifft: über Kredite, Bewerbungen oder in medizinischen Diagnosen. Humanoide Roboter dringen in die Pflege und in den Alltag vor. Gehirn-Computer-Schnittstellen verschieben die Grenzen zwischen Menschen und Maschine und können abseits der Hilfe im medizinischen Fall auch Tür und Tor für Kontrolle und Manipulation öffnen. Schlussendlich schaffen Technologien immer Gewinner:innen und Verlierer:innen von Berufsgruppen, Unternehmen, Regionen oder ganzen Ländern. Wer profitiert vom KI-Boom? Wessen Arbeit verändert sich? Wer trägt die ökologischen Kosten? Diese Verteilungsfragen sind keine rein technischen, sondern politische und ethische Fragen. Genau deshalb dürfen die Antworten auf diese Fragen keine nachgelagerte und verspätete Reflexion sein, sondern sie müssen Teil der Technologiepolitik selbst werden.

Im rasanten Technologiewettlauf um die bessere KI, die menschlicheren Roboter oder die effizienteren Anwendungen darf die gesellschaftspolitische Dimension nicht als Last oder Bürde gesehen werden. Vielmehr muss sie als potenzieller Wegweiser für Innovation und Fortschritt betrachtet werden. Europa hat mit seiner Geschichte von sozialem Ausgleich, Mitbestimmung und Demokratie einen großen Vorteil in diesen Entwicklungen. Europa hat das Rüstzeug, bessere Antworten auf die mit diesen Technologien aufgeworfenen gesellschaftlichen Fragen zu finden und durch Mitbestimmung, Transparenz und demokratische Kontrolle die Teilhabe und soziale Stabilität zu ermöglichen. Während viele auf „Move Fast, Break Things“ setzen, kann Europas Alleinstellungsmerkmal die Entwicklung und das Vorantreiben besserer, vertrauenswürdigerer und manipulationsfreier Technologien sein. Durch gemeinsame Missionen, klare Regulierung, hohe Datenschutzstandards, Transparenz sowie eindeutige Verantwortlichkeiten und Rechenschaftspflichten. Darin steckt auch mehr als ein normativer Anspruch. Strenge, klar kommunizierte Regulierung kann selbst zum Innovationstreiber werden und dadurch einen echten Wettbewerbsvorteil für Technologien „Made in Europe“ schaffen. Vorsorge, rote Linien und Regulierung dürfen in diesem Sinne nicht wie bisher nur als Schadensminimierung, sondern vielmehr als aktive gesellschaftliche Gestaltung von Technologie- und Marktbedingungen verstanden werden.

Doch warum das alles?

Die Beschäftigung mit solchen Zukunftstechnologien sollte vor dem Hintergrund anderer drängender Probleme nicht als Randthema abgetan werden. Sie werden schneller die Welt mit und um uns verändern, als wir es heute erahnen. Bereits jetzt haben sie Auswirkungen auf Arbeit, Einkommen, Ungleichheit und Wohlstand, und diese Auswirkungen wachsen mit der Zeit. Die Beschäftigung mit diesen Technologien, ihren Chancen, aber auch mit ihren Risiken ist daher wichtig. Wenn wir gestalten möchten, anstatt von der Seitenlinie den Entwicklungen zuzuschauen, müssen wir einen vorausschauenden Blick auf die Zukunft richten, die Stärken Europas nutzen und die Technologien und ihre Märkte aktiv mitgestalten.

Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0: Dieser Beitrag ist unter einer Creative-Commons-Lizenz vom Typ Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International zugänglich. Um eine Kopie dieser Lizenz einzusehen, konsultieren Sie http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/. Weitere Informationen https://awblog.at/ueberdiesenblog/open-access-zielsetzung-und-verwendung