Die Klimaerhitzung hat Österreich und Europa fest im Griff. Während Einkaufszentren, Rechenzentren und privilegierte Haushalte zuverlässig gekühlt sind, werden 30 Grad am Arbeitsplatz, in der Mietwohnung oder im Krankenzimmer als kaum vermeidbares Schicksal behandelt. Dabei leiden jene am stärksten unter der Erderhitzung, die am wenigsten zu ihr beitragen. Eine gerechte Klimapolitik muss deshalb nicht nur Emissionen senken – sie muss Schutz, Macht und Kosten neu verteilen.
Die fünf heißesten Jahre in Europa wurden seit 2019 registriert. Denn Europa hat sich im Vergleich zu vorindustrieller Zeit bereits um rund 2,4 Grad erhitzt – deutlich stärker als die Erde insgesamt. In der Nacht auf den 29. Juni sank die Temperatur in Wien nicht unter 27,3 Grad und war damit die heißeste der Messgeschichte. Gleichzeitig war ein Jahr in Österreich bisher noch nie so trocken.
Die Klimaerhitzung hat dabei zunehmend auch tödliche Konsequenzen. Ersten wissenschaftlichen Schätzungen zufolge forderte allein die Hitzewelle in der letzten Juniwoche in Europa rund 20.000 Menschenleben. Während das Robert Koch Institut heuer bereits fast 10.000 Hitzetote in Deutschland festgestellt hat, schätzt die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), dass allein im Juni die Hitze in Österreich rund 400 Menschen das Leben gekostet hat. Das ist der höchste Wert in der Geschichte der Auswertung.
Alle sind von Hitzewellen betroffen – nur nicht gleich
Der Klimaerhitzung sind aber nicht alle gleich ausgeliefert. Besonders offenkundig wird dies, wenn man sich ansieht, wie Superreiche mit Hitzewellen umgehen. So kam es, wie ein Architektur-Magazin für gehobenen Lebensstil berichtet, in der letzten Hitzewelle zu einer gesteigerten Nachfrage nach „Snow Rooms“. Das sind gekühlte Räume mit Eis, Schnee und teilweise fallenden Schneeflocken.
Laut einem Nobelimmobilienmakler ist es unter Superreichen zum neuesten Trend geworden, Anwesen in kühleren Regionen der Welt zu kaufen und das ganze Jahr über angenehmen Temperaturen hinterherzujetten. Je nach Jahreszeit leben sie etwa in St. Moritz in der Schweiz oder in Queenstown in Neuseeland – stets im eigenen Luxusdomizil.
Diese Spitze des Eisberges macht deutlich: Reichtum ermöglicht es, durch gut isolierte und gekühlte Wohnsitze und Geschäftsräume, Zweitwohnsitze im Grünen und privilegierte individuelle Mobilität viel besser durch ein zunehmend instabil werdendes Klima zu kommen.
Ganz anders sieht Arbeit und Alltag für die Vielen aus. Sie sind der Hitze häufig dreifach ausgesetzt – am Arbeitsplatz, in der Wohnung und in unzureichend angepassten öffentlichen Einrichtungen. Nicht klimatisierte Arbeitsplätze in Kranen oder Triebfahrzeugen werden schnell zu Hitzepolen jenseits von 40 Grad. Eine Befragung des ÖGB im Juli dieses Jahres ergab, dass rund zwei Drittel der Beschäftigten in der Arbeit oft oder fast täglich unter hohen Temperaturen leiden. Und obwohl die Unternehmen gesetzlich dazu verpflichtet sind, kommen sie dem Schutz ihrer Beschäftigten vor Hitze oft nicht nach und opfern damit die Gesundheit der Vielen.
Keine Kühlung für Kinder, Kranke und Mieter:innen?
In schlecht isolierten Mietwohnungen steigen die Temperaturen oft über 30 Grad. Selbst wenn Geld für Beschattung, Isolierung und Kühlung zur Verfügung steht, braucht es dafür oft die Zustimmung der Eigentümer:innen. Dazu kommt: Rund 500.000 Haushalte sind aufgrund von mangelndem Vermögen oder Einkommen energiearm. Für sie ist nicht nur Heizen im Winter, sondern zunehmend auch Kühlen im Sommer eine Frage des Kontostands.
Auch in vielen öffentlichen Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und Pflegeheimen betrug die Temperatur in der letzten Hitzewelle oft während des ganzen Tages mehr als 30 Grad. Lehrer:innen beschrieben die Verhältnisse als „wie in einem Backrohr“, in dem die Kinder kaum noch aufnahmefähig waren.
Diese Alltagserfahrungen spiegeln sich auch in den Daten der AK wider. Eine von der AK beauftragte Sonderauswertung des Mikrozensus Umwelt der Statistik Austria zeigt: Je höher das Einkommen ist, desto besser können sich die Menschen schützen, während sich umgekehrt in der Gruppe mit niedrigem Haushaltseinkommen mehr als 50 Prozent während Hitzewellen als stark bzw. sehr stark belastet fühlen.
Reiche und Konzernbesitzer:innen heizen die Krise stärker an
Besonders ungerecht ist das, weil ausgerechnet jene, die am stärksten unter der Klimaerhitzung leiden, am wenigsten zu ihr beitragen. Das zeigt eine neue Berechnung für Österreich, die auf den Arbeiten des Ökonomen Lucas Chancel aufbaut. Sie berücksichtigt neben dem direkten Verbrauch der Haushalte auch die Emissionen, für die Menschen mitverantwortlich sind, weil sie Anteile an Unternehmen besitzen, die Emissionen produzieren.
Das Ergebnis ist drastisch: Die untere Hälfte der österreichischen Haushalte verursacht lediglich 17 Prozent der auf diese Weise zugerechneten Emissionen. Auf die vermögendsten zehn Prozent entfallen dagegen 56 Prozent. Bei den Emissionen allein aus Kapitalanlagen sind die obersten zehn Prozent sogar für mehr als drei Viertel verantwortlich.
Und die Schere geht weiter auf: Während die Pro-Kopf-Emissionen von 99 Prozent der Bevölkerung in Österreich seit 1995 um rund 11 Prozent gesunken sind, sind jene der Superreichen im gleichen Ausmaß gestiegen.
Die Klimakrise hat damit eine dreifache Klassenstruktur: Wer am meisten emittiert, hat den größten Einfluss auf politische und unternehmerische Entscheidungen – und kann sich am besten schützen. Wer am wenigsten beiträgt, hat am wenigsten Einfluss und trägt die schwersten Folgen.
Warum Klimapolitik von oben keine Mehrheiten findet
Genau hier liegt ein zentraler Grund, warum die bisherige Klimapolitik derzeit europaweit ins Stocken gerät. Nicht, weil die Menschen die Klimakrise leugnen würden – sondern weil sie sich vor Lasten sorgen, während denen oben nichts zugemutet wird.
Die Forschung dazu könnte nicht eindeutiger sein. Auf Ablehnung stößt nur eine Klimapolitik, deren Kosten und Lasten als ungerecht verteilt wahrgenommen werden. Die Zustimmung steigt massiv an, wenn sichergestellt wird, dass Reiche sich den Regeln nicht entziehen können.
Genauso wichtig ist Mitbestimmung und Entscheidungsmacht: Wer in einer schlecht isolierten Mietwohnung lebt, kann nicht einfach eine Wärmepumpe einbauen oder die Fassade sanieren. Wer am Land wohnt und keine brauchbare öffentliche Verkehrsverbindung hat, kann nicht ohne Weiteres auf das Auto verzichten. Beschäftigte entscheiden nicht darüber, was ihr Unternehmen produziert, mit welcher Energie und unter welchen Arbeitsbedingungen produziert wird.
Dieser Mangel an Demokratie und der damit einhergehende Ausschluss der eigentlichen Produzent:innen von Entscheidungen, bewirke eine relative Gleichgültigkeit gegenüber den erzeugten Gütern und damit eine Blindheit gegenüber der Klimaapokalypse, argumentiert der Arbeitssoziologe und Gewerkschaftsforscher Klaus Dörre.
Wird Klimapolitik trotzdem vor allem über höhere Preise und individuelle Verhaltensappelle betrieben, trifft sie Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen besonders stark. Gleichzeitig bleiben der klimaschädliche Luxuskonsum, fossile Geschäftsmodelle und die Emissionen großer Vermögen weitgehend unangetastet. So kann Klimaschutz dann als Projekt einer privilegierten städtischen Mittelschicht dargestellt und gegen die Interessen der Lohnabhängigen ausgespielt werden.
Vier Notfallmaßnahmen für sozialen und ökologischen Hitzeschutz
Gerade weil eine Klimapolitik steigender Preise und individueller Verzichtsappelle sozial ungerecht ist und gesellschaftliche Mehrheiten verliert, hat die AK schon 2024 einen umfassenden Plan für den sozialen und ökologischen Umbau entwickelt. Er verbindet Klimaschutz mit besseren Arbeits- und Lebensbedingungen, einer starken öffentlichen Daseinsvorsorge, gerechter Finanzierung und einer aktiven und planenden Wirtschaftspolitik, die nicht nur Ziele ausgibt, sondern auch sicherstellt, dass diese erreicht werden. Spätestens vor dem Hintergrund der Hitzewellen dieses Sommers braucht es darauf aufbauend jetzt vier Notfallmaßnahmen für Hitzeschutz:
1. Hitzeschutz am Arbeitsplatz
Die seit 2026 geltende Hitzeschutzverordnung verpflichtet Arbeitgeber:innen bei Arbeiten im Freien erstmals zu Schutzplänen und konkreten Maßnahmen. Jetzt liegt es an der Arbeitsinspektion, die Einhaltung auch wirksam zu kontrollieren. Die Verordnung bietet aber weiterhin keinen ausreichenden Schutz für Beschäftigte in Büros, Fabrikhallen, Küchen, Spitälern oder im Verkehr. Das muss rasch durch eine Novelle der Arbeitsstättenverordnung behoben werden.
Die AK fordert darüber hinaus medizinisch begründete Belastungsgrenzen, die neben der Temperatur auch Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Schutzkleidung und Arbeitsschwere berücksichtigen. Bei Überschreitung braucht es verpflichtende Pausen für Abkühlung und – wenn sicheres Arbeiten nicht mehr möglich ist – bezahltes Hitzefrei.
2. Ein Recht auf eine im Sommer bewohnbare Wohnung
Hitzeschutz darf nicht vom Eigentumsstatus abhängen. Vermieter:innen müssen daher gesetzlich verpflichtet werden, Maßnahmen gegen übermäßige Hitzebelastung im Rahmen ihrer Erhaltungspflicht zu setzen und für eine ausreichende Temperierung der Wohnungen und Gebäude zu sorgen. Zugleich müssen Mieter:innen Außenjalousien und andere Maßnahmen zur Senkung der Hitzebelastung unter erleichterten Voraussetzungen anbringen dürfen. Das Mietrechtsgesetz ist dazu entsprechend anzupassen.
3. Investitionsoffensive für eine kühle Daseinsvorsorge: Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser hitzefest machen
Bund, Länder und Gemeinden müssen Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Pflegeheime und öffentliche Verkehrsmittel auf ihre Hitzetauglichkeit prüfen und verbindliche und mit Fristen versehene Pläne für eine rasche Nachrüstung erstellen. Besonders belasteten Standorten muss Vorrang eingeräumt werden. Wo sinnvoll, ist der Hitzeschutz mit energetischen Sanierungen zu verbinden. Beschattung, Dämmung, Begrünung und Nachtlüftung gehen vor; reichen sie nicht aus, müssen Räume energieeffizient und möglichst erneuerbar gekühlt werden.
Fast die Hälfte des öffentlichen Kapitalstocks entfällt auf Städte und Gemeinden. Damit diese rasch die notwendigen Maßnahmen setzen können, muss der Bund umgehend einen kommunalen Klimainvestitionsfonds einrichten.
4. Gegenfinanzierung: Große Vermögen und Krisengewinne heranziehen
Jene, welche die größte Verantwortung für die Destabilisierung des Klimas tragen, müssen nun auch zur Finanzierung des Schutzes gegen die Hitze beitragen. Allein eine Erbschafts- und Schenkungssteuer mit hohen Freibeträgen könnte jährlich ein bis zwei Milliarden Euro einbringen. Eine höhere Bankenabgabe, die vollständige Rücknahme der Körperschaftsteuersenkung, eine höhere Kapitalertragsteuer, eine stärkere Besteuerung von Spitzeneinkommen sowie zusätzliche Einnahmen aus der Lkw-Maut könnten insgesamt sechs Milliarden Euro jährlich für mehr soziale und ökologische Gerechtigkeit zur Verfügung stellen.
Oben begrenzen, unten schützen
Der Hitzesommer 2026 macht erneut deutlich, dass die Erderhitzung keine ferne Bedrohung mehr ist. Jahrzehntelang konnte die Politik den Konflikt vertagen und die Folgen einer Wirtschaftsweise, die zwingend auf Wachstum und damit auf einen steigenden Energie- und Ressourcenverbrauch angewiesen ist, künftigen Generationen aufbürden. Heute lassen diese Folgen sich nicht mehr verdrängen. Sie sind von Jahr zu Jahr verstärkt am eigenen Körper spürbar und werfen immer schärfer die Frage auf, wer geschützt wird – und wer nicht.
Eine glaubwürdige Klimapolitik muss daher rasch sichere Arbeitsbedingungen, bewohnbare Haushalte und hitzefeste öffentliche Infrastruktur gewährleisten. Sie muss große Verursacher in die Pflicht nehmen und Machtverhältnisse verändern, indem sie oben begrenzt und unten schützt.
Das wäre ein konkreter Einstieg in einen umfassenden sozialen und ökologischen Umbau, der die Menschen einbindet, die Wirtschaft planvoll an sozialen Bedürfnissen und planetaren Grenzen ausrichtet und damit Zukunft und Leben sichert.